Schriftſtellers Talent erlahmt, die Frau ſtirbt, der Mann tödtet ſich an ihrer Leiche. Das iſt der einfache und nicht neue Stoff. Neue Seiten finden wir ihm auch nicht abgewonnen. Seite 222 ſagt Clotilde:„Die jungen Männer in den deutſchen Romanen ſind immer ſo ſchrecklich langweilig.“ Und Leo ant⸗ wortet lachend:„weil es keine jungen Männer ſind.“ Das hätte auch die Ver⸗ faſſerin beherzigen ſollen. Wir begrei⸗ fen nicht, worin der Reiz dabei beſteht, die Helden ſtets Schwächlinge ſein und nicht vielmehr ſich einmal kräftig durch⸗ ringen zu laſſen. Sollte Letzteres für das Publikum nicht mindeſtens ebenſo intereſſant darzuſtellen ſein, wie das Er⸗ ſtere?— Das Buch iſt zwar mit einer unleugbaren Routine geſchrieben, allein die Verfaſſerin ergeht ſich vielfach in Ausſprüchen und Reflexionen, deren Wahrheit und Richtigkeit wir erſt be⸗ wieſen ſehen möchten, bevor wir ihnen zuſtimmen können. Wir greifen nur ein paar ſolche Stellen heraus. Seite 216. „Anſtatt zart und zagend, war es(ihr Geſicht) voll von gleichgültiger, herausfordernder Energie.“ Wie verſteht man das? Seite 224. Leo arbeitet am neuen Buch.„Der Gegen⸗ ſtand erforderte nirgends eine poetiſche Erhebung(WB. er fühlte ſich eigentlich unfähig zum Produciren), ſondern nur Ironie in der Auffaſſung und Humor in der Darſtellung. Beides konnte Leo aus ſeiner gegenwärtigen Stimmung leicht beſtreiten.“ Das glauben wir der Verfaſſerin nicht.— Am Schluß ſtirbt Leo, wie die Verfaſſerin es ausdrückt: „mit Koketterie;“ man findet ihn in einer„friedlichen und ſogar graziöſen Lage.“ Wir bekennen offen, daß uns das weder rührt noch Theilnahme ein⸗
flößt, ſondern uns nur den allerpeinlich⸗ ſten Eindruck hinterläßt.
Wir gehen zu drei andern Büchern über, deren man ſich denn Gott ſei Dank einmal wieder erfreuen kann. Ot⸗ tilie Wildermuth hat einen neuen Band Geſchichten:„Aus dem Frauen⸗ leben.“ Stuttgart 1855, erſcheinen laſſen. Wie die erſten beiden Bände der Verfaſſerin ſchnell die zahlreichſten Freunde gewonnen haben, ſo werden ſicher dieſe neuen Geſchichten noch zahl⸗ reiche weitere anziehen. Die Verfaſſerin hat in der That ein wunderbares Talent für dieſe Daguerreotypen des Lebens. Auf das Treueſte wiedergegeben, auf das Sauberſte ausgeführt bis in die kleinſten Züge, ermüden ſie nie, ziehen immer wieder an. Denn wie könnte Leben und Natur auch jemals ermüden? — Und ſie ſind ſo treu, dieſe Bilder, und ſo naturwahr, daß wir unwillkür⸗ lich einzelnen Zügen vielfach Geltung zu⸗ geſtehen, die wir, wenn wir ſie als erfun⸗ den annähmen, beanſtanden müßten. Das Opfer, welches„die Verſchmähte“ am Schluß der ebenſo benannten Geſchichte bringt, ſcheint uns für ein Frauenherz und Gemüth kaum möglich zu ſein. Wenn es aber, wie die ganze Geſchichte in ihrer Natürlichkeit uns zeigt, dennoch und wirklich gebracht wurde— ſo muß es uns als ein neuer Zug des uner⸗ gründlichen Menſchenherzens, mit dem hochſten Intereſſe erfüllen.— Die Verf. hat es ſich zur Aufgabe gemacht, in dieſen kleinen Bildern zu zeigen, wie ein frommer Sinn und ein gläubig Gottvertrauen nicht nur ſtets zum Rech⸗ ten führen, ſondern auch als lichte Sonne über jedem Geſchick ſtehen und mit ihren Strahlen ſelbſt in den dunkelſten Tiefen noch Lichter hervorzaubern, die das Herz


