Sittenloſigkeit nicht vermieden oder nur flüchtig als einmal unumgänglich be⸗ rührt, gemildert, verhüllt finden, ſon⸗ dern dieſelbe ſogar hervorgezogen und zum Gegenſtand der Darſtellung gemacht ſehen? Wir finden im erſten Band eine Scene, wie ſie an ähnliche nur in ge— wiſſen, Gottlob verſchollenen Ritter- und Räuberromanen erinnert. Es wird mit dieſer Scene nicht nur, ſondern mit an⸗ dern nicht viel minder freien Situatio⸗ nen durch alle vier Bände— grade herausgeſagt— ein Spiel getrieben, das wir auf das allerernſteſte verdam⸗ men müſſen. Wir haben oben gezeigt, daß wir nicht zu den Prüden gehören. Wir laſſen gelten und geben wieder, was das Leben bringt. Aber derglei⸗ chen bringt das Leben nicht immerdar und nicht wie das tägliche Eſſen und Trinken.
Hieran ſchließen wir noch eine zweite, ernſte Warnung. Der Roman iſt nicht am beſten geſchrieben; die Ver⸗ faſſerin ſcheint aber überdies auch nicht ganz klar geweſen zu ſein über die Be⸗ deutung und Tragweite mancher Wör⸗ ter. Sie würde einige, wie z. B. wol⸗ lüſtig, ſchwerlich ſonſt ſo häufig und ohne alle Noth gebraucht haben. Der Autor muß nicht nur erfinden, ordnen und entwickeln,— er muß dieſer Er⸗ findung auch den richtigen Ausdruck, dem Begriff ſein richtiges Wort geben, und in allem, im Guten wie im Böſen, Maß halten.— Wir vermögen das Buch in keiner einzigen Weiſe zu em⸗ pfehlen.
Das Buch, welches uns zunächſt vorliegt, iſt: Des Lebens Wand⸗ lungen. Von Franz von Elling. Stuttgart 1854. 3 Bände.— Von einer eigentlichen Beurtheilung kann bei
dem Roman keine Rede ſein, denn es ſind eben drei Bände mit einem Inhalt, von dem man nur das altbekannte Wort ſagen kann: das Gute iſt nicht neu, und das Neue iſt nicht gut.— Wir möchten auch hier fragen: wozu hat der Verfaſſer dies Buch eigentlich geſchrie⸗ ben? Zur Unterhaltung eines Publi⸗ kums?— Nun ja, manches Publikum läßt ſich leicht unterhalten, und geleſen wird ſehr vieles.— Aber hat denn dieſe Conception dem Verfaſſer irgendwie ſelbſt genug gethan? Hat er ſie aus innerem Drang geſchrieben?— Wir vermögen dem Buch nichts derartiges abzuſehen. Da ſtellen die Herren ihre Netze auf für Gedanken, Reflerionen, Situationen und Combinationen. Und was dann auch hineinfliegt, es wird in eine Paſtete gebracht und für gut ge⸗ halten, für gut hingegeben. Ja, eine Paſtete iſt es dann ſchon, aber ſie iſt auch darnach!— Doch genug davon. Hier wollen wir zum Schluß nur noch bemerken, daß wir, obgleich wir zu der⸗ gleichen leider ſonſt ſchon genug Gele⸗ genheit haben,— doch auch hier wieder wahrhaft erſchrocken ſind über die un⸗ glaubliche Leichtfertigkeit, mit der man über unſere edele Sprache disponirt.— Das Buch wird freilich dennoch geleſen werden.—
Es thut uns leid, daß wir auch das folgende Buch nicht loben können: „Clotilde.“ Von Ida von Dü⸗ ringsfeld. Berlin 1855. Ein jun⸗ ger Schriftſteller lernt auf der Reiſe in Italien ein Mädchen kennen, erringt ſie endlich, führt ſie in ſein Elternhaus, wo ſeine Mutter und theils auch ſeine Schweſtern die junge Frau quälen und zurückſetzen. Das Paar geht endlich fort, ſchlägt ſich kümmerlich durch, des


