Jahrgang 
1855
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Geiſtesprödukt zeigen muß, wenn es gelten ſoll. Wir haben es aber hier nicht mit dieſem Buch zu thun, ſondern mit ſeinem Nachfolger:Der Cardi⸗ nal von Richelieu, von Aline von Schlichtkrull. Görlitz. 1855. Vier Bände. Da das Buch mehr⸗ fach beurtheilt wurde, könnten wir un⸗ ſern Raum für andere, erquicklichere Stücke aufſparen. Wir haben aber dem anderwärts ausgeſprochenen Tadel un⸗ ſererſeits einige Punkte hinzuzufügen.

Die Verfaſſerin hat ſich einen hiſto⸗ riſchen Stoff erwählt aus einer Zeit, die zu den ſittenloſeſten gehört, welche über die Erde gezogen. Es gehort Seil⸗ tänzergewandtheit dazu, um hier nur nothdürftig durchzukommen und nicht auf jedem Schritt auf das Allermiß⸗ lichſte anzuſtoßen. Die Verfaſſerin bietet uns überdies in den Perſonen wirklich hiſtoriſche und in ihren Charakteren feſt ſtehende Menſchen, nicht Phantaſiegebilde, ſondern Exiſtenzen. Was hat ſie nun daraus gemacht?

Sie hat ſich vor allen Dingen im Stoff nicht uur vergriffen, ſondern den⸗ ſelben niemals verſtanden. Sie würde es ſonſt nie gewagt haben, ſo viele Le⸗ bensjahre eines Mannes von Richelieus Bedeutung in einen ſei es auch vier⸗ bändigen Roman zu klemmen, Riche⸗ lieus, in dem ſich nicht nur die ge⸗ ſammte damalige Geſchichte Frankreichs, ſondern auch des größten Theils von Europa konzentrirte. Ein Rieſe kann kein Kartenhaus brauchen. Die Ver⸗ faſſerin irrt ſich ferner in ihrem Glau⸗ ben, daß ſie den großen Cardinal we⸗ ſentlich neu aufgefaßt. Die Geſchichte iſt noch lange nicht fertig mit ihm, aber von der theils verkehrten, theils kindi⸗ ſchen Auffaſſung parteiiſcher Zeitgenoſſen

und unwiſſender Moraliſten iſt man längſt geheilt. Was die Verfaſſerin uns ſelbſtändig gibt dieſe Entwickelung des innern Menſchen das weiſen wir als mißlungen vom hiſtoriſchen wie vom künſtleriſchen Standpunkt zurück. Nicht Bäche, nein Ströme von Zähren ent⸗ wallen hier fort und fort den Augen des armen Cardinals, ſeine Bruſt hat nicht eine Minute Ruhe vor all dem Stöhnen, Seufzen, Schluchzen und La⸗ mentiren. Seine Hände müſſen ent⸗ ſchieden wund geworden ſein von dem ſteten Ringen! Weiß die Verfaſſerin, was und wie es ihr paſſirt iſt? Sie will einen theilsvulkaniſchen, theils ſanften Mann ſchildern und zitirt dazu den großen Cardinal! Und der Car⸗ dinal, der zu groß für ſie iſt, rächt ſich für ſeine Behandlung, wie ein wackerer Geiſt ſoll, und wird unter ihren Hän den eine halb blaſirte, halb ſchwächliche Karrikatur. Es fehlen ihm nur Hand⸗ ſchuhe, Hut und Frack, und er wäre ein Held, wie ihn unſere ſchriftſtellern⸗ den Damen als Ideal des Mannes hin⸗ zuſtellen belieben.

Wir wollen es bei dieſer Perſon bewenden laſſen und von den andern ſchweigen, den hiſtoriſchen, denen es nicht beſſer ergangen, den erfundenen, denen die Lebensfähigkeit fehlt. Und wir ge⸗ ſtehen offenherzig, daß nach unſerer An⸗ ſicht ſogar in James' Richelieu und Dü⸗ mas hierhin gehörigen Romanen ein viel richtigeres Bild und eine wahrere Dar⸗ ſtellung jener Menſchen und jener Zeit zu finden ſein dürfte.

Wir haben aber ſchon oben geſagt, daß wir die Verfaſſerin nicht zu ver⸗ ſtehen vermögen, die ſich durch dieſe ſittenloſeſte Zeit balancirt. Was ſollen wir aber erſt ſagen, wenn wir dieſe