das Häßliche allein ſich zum Vorwurf zu nehmen und das Unſaubere allein zu verherrlichen. Davon liegen uns zu allen Zeiten genug Beiſpiele vor, und wir ſind wahrhaftig die Erſten, die nächſt der Verdammung ſolcher Weiſe darin auch eine Entwürdigung nicht nur der Kunſt, ſondern auch der Sitte, des Men⸗ ſchen ſehen. Es gibt Räume auf Erden, wo der Schmutz ſo zu ſagen herkömm⸗ lich und beinahe natürlich wurde. Sie müſſen vielleicht da ſein. Aber ein an⸗ ſtändiger Menſch hält ſich fern von ihnen und will davon nicht einmal eine Darſtellung zur Unterhaltung.— Und die Kunſt kann nur ausnahmsweiſe einen Krüppel darſtellen und ein verkrüppel⸗ tes Leben.
Aber mit Regeln und Beſtimmun⸗ gen iſt es da nirgends gethan. Wer das Gefühl des Maßes und der Grenze nicht in ſich trägt, als einen Theil ſei⸗ ner ſelbſt, der wird es nie erlangen und niemals ſicher werden; er wird in fal⸗ ſchen Stoffen und Mißgriffen umher⸗ taumeln und an ihnen ſeine vielleicht tüchtige Kraft zerſplittern.
Was aber von dem Schriftſteller gilt, es muß noch mehr Geltung haben von der Schriftſtellerin.
Wir räumen den Frauen das Vor⸗ recht und den Vorzug ein, daß ſie fern geſtellt ſind und fern bleiben von man⸗ chen Nachtſeiten des Lebens. Wir ver⸗ bergen dieſe Seiten vor ihnen, denn wir wollen ihre Augen und Herzen un⸗ getrübt erhalten, und ihre Milde und Innigkeit ſoll unverletzt bleiben. Wir beklagen es, wenn ſie trotzdem zu trau⸗ rigen Einblicken in Welt und Geſell⸗ ſchaft gezwungen werden. Und dies Be⸗ klagen gilt der Frau auch dann noch, wenn ſie ſich, ihrem Menſchenrechte
gemäß, mit Geiſt, Energie und Ent⸗ rüſtung gegen dieſe Nachtſeiten, gegen eine ihres Geſchlechts unwürdige Stel⸗ lung, gegen Mißbräuche, gegen Nichts⸗ würdigkeit erhebt und ihre Einblicke und Anſichten der Welt als Schriftſtellerin vor Augen führt.—
Etwas anderes aber iſt es, wenn eine Frau ſich in die Litteratur und auf die Nachtſeiten der Geſellſchaft und des Lebens wirft, die ihr das Leben bisher ſicher nicht aufzwang noch aufdeckte, wenn ſie Scenen, Situationen, Seelen⸗ zuſtände ſchildert und bildet, von denen der Menſch nur in den ſeltenſten Fällen, durch die traurigſten Erfahrungen Kunde erhalten kann, die, abgeſehen von ihrer innern Wahrheit oder Unwahrheit, uns ſtets zu der Frage veranlaſſen müſſen: wie kommt der Verfaſſer dazu?— Das Bücherſchreiben iſt kein Spaß; ein Ro⸗ man ſchreibt ſich nicht wie ein Brief. Und wenn wir es einer Penſionärin verzeihen, daß ſie ſich ein Leben zuſam⸗ menphantaſirt und Welt und Menſchen zu kennen, alle Verhältniſſe an derSchnur zu haben glaubt, ſo treten wir im ähn⸗ lichen Fall der Schriftſtellerin mit an⸗ dern Worten und Anforderungen ent⸗ gegen und ſagen ihr auf den Kopf zu: das iſt nichts, ſolche Menſchen exiſtiren nicht und ſolche Verhältniſſe gibt es nur in deiner Phantaſie. Wir wollen Leben von dir und nicht deine Träume des Lebens.
Solch ein Buch, ſolche Menſchen, ſolche Verhältniſſe und Situationen gibt es in einem Buch:„Eine verlorene Seele,“ von Aline von Schlicht⸗ krull,— einem Buch, das neben all ſeinen, zumal von einer Verfaſſerin, be⸗ fremdenden Zügen, auch nicht eine Spur der innern Nothwendigkeit hat, die ein


