dem Bade ausſchüttend, alles„ſcheuß⸗ lich“ findet, was von einem Leben redet, wie es zwar nicht in— ſittſamen Köpfen, aber in der Welt einmal iſt, die der Litteratur in Bauſch und Bogen aus der Schilderung ſolcher Lebenszuſtände ein Verbrechen macht.
Was will man eigentlich von der Litteratur? Soll ſie ſein und bleiben wie der junge Menſch, der niemals bis⸗ her hinter ſeiner Mutter Rock hervor⸗ geſehen, der voller Ideale ſteckt, der den Himmel mit allen Heiligen und Engeln auf Erden wähnt, und ſich ein Utopien zuſammenphantaſirt? Soll die Littera⸗ tur nur dazu ſein, dem Kinde ſeine uto⸗ piſchen Träume als Realität vorzumalen und auszuſpinnen? Soll ſie die Alten, die Kluggewordenen mit ihren längſt vergeſſenen Jugendträumen wiegen, daß ſie noch einmal zu träumen glauben können?— Das iſt freilich zum Lachen, und dennoch läuft dieſer prüde Tadel nur darauf hinaus! Er will der Lit⸗ teratur das Leben nehmen und ihr da für zum Heil beſchränkter und blinder Köpfe und Herzen nur das Utopien laſſen.
Und es wäre noch ganz ſchön, wenn dieſer prüde Tadel ſich darauf beſchränkte, das Vorliegende an und für ſich zu verwerfen. Aber er tadelt, um uns ſo auszudrücken, auch hiſtoriſch und behauptet mit dreiſter Stirn,— dies alles in dieſer Weiſe ſei ein Pro⸗ dukt der neuern Geſittung oder Unſitte und der neuern Litteratur. Man muß die Dreiſtigkeit— oder iſt es Ignoranz? — anſtaunen, mit der ſolche Behauptun⸗ gen in jenen Anfangstagen ausgeſpro⸗ chen wurden, und man muß wahrhaft erſchrecken, wenn man auch heutzutage noch auf ſolche Einfälle ſtößt, heutzu
tage, wo doch manche Leidenſchaften ſchweigen, die damals den Kampf auf's Blindeſte führten.— Es heißt der Ge⸗ ſchichte und Erfahrung geradezu in's Geſicht ſchlagen, wenn man behauptet, es ſei überall vor Zeiten beſſer ge— weſen. Haben denn, um bei der Litte⸗ ratur ſtehen zu bleiben, die klugen Tad⸗ ler niemals in die kleinen Geſchichten der Inſel Felſenburg hineingeſehen, und niemals einige Abſchnitte im Leben der ſchwediſchen Gräfin geleſen, die den moraliſchen Gellert zum Verfaſſer hat? — Sie müſſen dann dort eine Samm⸗ lung von Verbrechen, von unnatürlicher Liebe u. ſ. w. finden, wie ſie kein Schrift⸗ ſteller der Neuzeit nackter, derber, häß⸗ licher und ſchmutziger zuſammenphan⸗ taſirt.
Und ſollte man behaupten, daß das alles— was nun freilich nicht möglich iſt— von den Verfaſſern uur der lie⸗ ben Abſchreckung wegen erfunden und zuſammenphantaſirt wurde, ſo behaup⸗ ten wir geradezu: daß die Litteratur die geſundere iſt, die— ſei es darum— den Schmutz ſo zu ſagen abſchreibt, vielmehr als die, welche ihn ſich erſt zu⸗ ſammenphantaſiren und ausmalen mag.
Aber— und damit wenden wir uns gegen die Litteratur— ſo wenig es dem Schriftſteller zum Verbrechen gemacht werden kann, wenn er das Leben wie— dergibt, wie es iſt,— und ſo wenig es ein Zeichen der einreißenden Corruption iſt, wenn das Publikum die Lecture nicht verſchmäht, die ihm das ihn umgebende Leben kunſtreich zuſammengefaßt und dargeſtellt vorführt: ebenſowenig kann es andrerſeits dem Schriftſteller erlaubt ſein, ſich mit Selbſt⸗ und Wohlgefallen nur in Scenen und Verhältniſſen zu bewegen, die ſtets zu beklagen ſind,—


