Jahrgang 
1855
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Litterariſche Meberſichten.

Es iſt zuweilen nicht wenig inter⸗ eſſant und inſtructiv, in alten Zeitſchrif ten zu hlättern und zumal die Anzeigen und Beurtheilungen der grade gang⸗ baren Litteratur zu leſen. Man erhält dabei nicht nur eine höchſt eigenthüm⸗ liche und leicht gewonnene Ueberſicht über ganze Gebiete, ſondern man kann auch die wunderſamſten Einblicke in den Geiſt, in die Auffaſſung einer Zeit ge⸗ winnen, und kommt oft auf den An⸗ fang der Anſchauungen und Meinungen, möchten wir ſagen, die lange Zeit hin⸗ durch herrſchten, die vielleicht noch heut zu Tage hie und da und ſo oder ſo gelten.

Zu dieſer Reflexion regte uns eine ähnliche Lectüre an. Es war ein altes Blatt aus dem Anfang der dreißiger Jahre; die Kritiken galten der damals beginnenden Litteratur; die Korreſpon⸗ denzen beſchäftigten ſich mit den damals neuen Bühnenerſcheinungen. Es war die Zeit, wo man, zumal in Frankreich, wieder anfing freier und freier zu ſchrei⸗ ben, Verhältniſſe und Situationen zu ſchildern, die friſchweg aus dem Leben genommen und oft nicht grade die ſau⸗ berſten waren. Es war die Zeit, wo unſer gutes Deutſchland einerſeits pflicht⸗ ſchuldigſt das modiſche Beiſpiel nach⸗ äffte und andrerſeits mit geſträubtem

Haar und gerungenen Händen in die allertugendſamſte, ſentimentalſte Ent⸗ rüſtung gerieth. Mit einem Wort, die bisher mehr im Finſtern ſchleichende Corruption trat zu Tage, und die Lit⸗ teratur that, was ſie muß, was ſie aber auch ſoll, ſie gab das Leben wieder, wie es ſich in der ſogenannten Geſell⸗ ſchaft, im Volk, in allen Klaſſen, in allen Verhältniſſen auf Erden zeigte. Und da iſt es in der That für uns ein theils ergötzlicher, theils betrübender An⸗ blick, wie Schriftſteller und Kritik ſich beim Auftauchen dieſer Richtung ge⸗ berdeten.

Das würde uns jedoch an dieſem Ort wenig kümmern, wenn wir nicht den Blick von damals auf unſere jetzi⸗ gen Zuſtände in dieſer Art wendeten. Zeit und Gewohnheit haben auch hier ihre Scepter geſchwungen. Die Litte⸗ ratur iſt nicht mehr ſo grenzenlos un⸗ beholſen in ihrer freien Lebensauffaſſung, und die Kritik iſt nicht mehr ſo lächer⸗ lich prüde. Dennoch aber finden ſich auch jetzt noch die wunderſamſten Ver⸗ irrungen und Mißgriffe, nachgeborene Sprößlinge zwar, aber darum kaum weniger verwerflich und ſeltſam. Und dagegen treten wir auf.

Wir treten auf gegen die tugend⸗ hafte Verzweiflung, die, das Kind mit