Jahrgang 
1855
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Von Emma Niendorf. 5

Man mordete ihren Anton. Nicht einmal die Feindſeligkeit, ſondern nur die Bequemlichkeit brachte ihn um; die Trägheit der Behörden, welche die Wohlthat der Leichenhäuſer verzögert, und die ſelbſtſüchtige Gleichgültig⸗ keit eines abgeplagten Mannes. Zum erſtenmale wallte bei dieſer Vorſtellung in der lautern Seele etwas wie Haß auf, wie Rache. Lene ſollte ihm den Labetrunk reichen, ihm den Todesſchweiß von der Stirne trocknen, ihm, der des Liebſten Leben ſich graus zermartern ließ, ihm, wegen dem ſie als un⸗ vermälte Wittwe ſterben mußte; um den Gatten trauernd, ohne ein Braut⸗ feſt gekannt zu haben? O nein, das kann, das ſoll ſie nicht, das iſt Unnatur! Wer darf ſo Grauſames fordern? Lieber will ſie fliehen ſo weit, daß kein befreundeter Blick ſie mehr erreicht! Aber ſie hat ihm ja verſprochen, ihm die Augen zu ſchließen. Sie hat ihm geſagt:ich verzeihe! Hat ihm Frieden verheißen. Sie muß es erfüllen. Und als der grauende Tag mit einem rothen Streifen, wie mit einem Liebeszeichen, im Oſten ſich verkün⸗ dete, konnte ſie in ſich beſchließen:Ja, ich will den Wermuth bis zur Neige leeren, will als demüthige Magd gehorchen und verſohnen. Sie kniete an dem Kreuze nieder. Ueber ihrem Haupte auf einem Zweige, der ſich über das Grab neigte, erwachte ein Vögelein, es zwitſcherte ihr zu, als wolle es ihr Troſt und Muth bringen; es ſchüttelte den Thau von ſeinem kleinen Gefieder und flog auf, hoch, hoch in den reinen Aether hinein.

Die Näherin legte ſich wohl noch ein wenig in ihrem Dachſtübchen zur Ruhe hin, ſchreckte aber aus dem leichten Schlummer bald wieder auf, aus Beſorgniß, heute ſpäter als gewöhnlich zu dem Kranken zu kommen. Als ſie ihm die Schale reichte mit dem Thee, den ihm der Doktor verſchrie⸗ ben hatte, ſah jener die Pflegerin väterlich an.Ja du biſt das Kind mei⸗ nes Jammers! ſagte er weich, mit ſchwacher Stimme.Lene, es hat dich gleich anfangs unbewußt zu mir geführt, daß du etwas gut machen ſollteſt für mich. Die Gnade iſt unerſchöpflich in ihren Wundern ſelbſt das Verbrechen muß uns zur Erkenntniß leiten. Seit geſtern weiß ich, was es heißt:in der Liebe bleiben Sie gab ihm die Hand. So waren dieſe zwei Menſchen, ſo weit auseinander, doch verbunden.

Eines hab' ich beſchloſſen, hub er von neuem an;ich will mich ſelbſt bei Gericht anzeigen. Ich vertauſche ſo gern die öffentliche Strafe mit meiner eigenen geheimſten. Ich ſtelle mich dem Geſetz. Dem ungetreuen Knechte ſoll ſein Recht werden. Nein, wehre mir nicht. Erſt dann kann ich zur Ruhe kommen. Aber noch ehe er ſeinen Entſchluß vollziehen konnte,