254 Der Todtengräber.
durfte. Er war bei ſich, kannte ſie, ſein Auge leuchtete unnennbar bei ihrem Eintritte, er ſtreckte beide Arme nach ihr aus. Wie hatte ſie ihn da mit den ihrigen umſchlungen, wie ihren Mund auf den ſeinigen gedrückt, als wollte ſie ihn nie mehr laſſen, als wollte ſie ſeine Seele zurückhalten, ge⸗ fangen, oder ſie ſelbſt holen, von den Lippen löſen im langen, langen Kuß!
Sie hatte der Schwägerin und ſeinem Bruder verſprochen, ruhig fort⸗ zugehen, weil dieſe ihr gelobten, ſie noch einmal zu ihm zu führen. Zwei Tage kam Lene nicht vom Fenſter weg, und wartete und wartete. Die Nach⸗ richten, die man ihr brachte, lauteten nicht ſchlimmer. Endlich ſah ſie die Schwägerin die Gaſſe herunter eilen.„Die Marie ruft mich!“ ſchrie ſie und ſprang die Stiege hinunter dem jungen Weibe entgegen. Dieſe hielt weinend die Schürze vor das Geſicht— vor einer halben Stunde war er verſchieden.
Die Braut ſah ihn noch einmal, im Sarge. Wie ein ſchlafendes Bild lag er da, die Züge wie aus Marmor gemeißelt. Sie ſchnitt ihm eine von den ſchwarzen weichen Locken ab, nur Eine. Sie wollte ihm dieſen ſeidenen
Kranz nicht rauben, und beneidete doch das Grab um jede dieſer Locken.
Sie küßte ihn noch einmal. Sie meinte, ſie müße ihm Athem einhauchen, — ſie hätte ihm gerne den ihrigen gegeben. Ihr ſchmerzensheißer Mund hat ſeinen kalten nicht erwärmt. Warum iſt der Anton da nicht aufge⸗ wacht? Vielleicht, wenn man ſie damals nicht von ihm fortgeriſſen, hätte ſie ihn doch noch erweckt! Sie fiel ohnmächtig nieder.
Seitdem iſt ihr ganzes Leben ein Todtenfeſt geweſen. In ihrer Trauer abgeſchloſſen, lebte ſie von der Welt getrennt, wie eine Nonne hinter ihren Eiſengittern. Und es konnte doch ſo ſchön ſein, ſo ganz anders! Sie hatte ihn ja damals noch, als ſie ſich faſt in Schmerz verzehrte. Wäre ſie nur nicht von ihm gewichen, ihm gefolgt bis an ſein Grab!
Nicht Gott hatte ihr den Bräutigam genommen, nein, der Menſch, man mordete ihren Anton. Er hätte bei ihr ſein können, Jahre und Jahre, bis zu ihren letzten Tagen, ihr vielleicht die Augen zudrücken, die bald ein⸗ ſam brechen müſſen. An ihrer Seite ſein können, Stunde um Stunde, in trauter Stube, im reinen friedſeligen Haus, bei ihr in Arbeit und Ruhe, in Freude und Noth. Vielleicht wäre ihr ein Ebenbild von ihm geſchenkt worden, ſie hätte es in ihren Armen wiegen, für ſein Kind wachen und arbeiten dürfen, für ſein Kind nähen all die tauſend feinen Stiche, das weiche zierliche Linnen, das ſie für Glückliche ſo oft gefertigt hat mit raſtloſen, ja wunden Fingern!


