Von Emma Niendorf. 253
und doch ſtark an den zwei Händen faßte. Beide ſprachen nicht mehr. Ihre Blicke nur redeten. Es war, wie wenn der Regenbogen auf dunkeln Wet⸗ terwolken leuchtete.„Die Braut, und ſie verzeiht mir!“ wiederholte Gerhard noch einigemal leiſe in ſich hinein und die gefalteten Hände in Andacht wie zum Gebet emporhebend.„So muß alſo meine größte Strafe mir mein hoͤchſter Segen ſein.“— Dabei hafteten ſeine Augen an den ihrigen und folgten ihr überall, wie ſie ſachte und emſig waltend ab und zu ging; denn ſie wollte alles heute ſelbſt für ihn beſorgen, und verweilte abſichtlich noch länger als ſonſt.
Es mochte die höchſte Zeit ſein, daß ſie ſich entfernte, denn ſie war, als ſie die Thüre des Todtengräberhauſes hinter ſich zuzog, nahe daran, zuſam⸗ men zu brechen. Sie ſchwankte faſt nur mehr bis zum Grabe ihres Bräu⸗ tigams und mußte das ſteinerne Kreuz ergreifen, um ſich darauf zu ſtützen. „Alſo das nur hat dich von mir geſchieden!“ flüſterte ſie.„Nur dieſe Schollen, nur dieſe Bretter. Bloß die Sargwände trennten uns, hinter denen dein liebes, armes Herz noch für mich ſchlug, das nämliche treue Hers, an dem meine Stelle war, an dem ich hätte liegen können!“— Und nun brach ein ſeit ſo vielen Jahren verhaltener Sturm der Leidenſchaft los, mit doppelter Heftigkeit. So ſtürzen die Meerwogen ſchäumender über den Damm herein, der ſie lang zurückgedrängt hat.
Niemand klopfte da unten. In dieſer einſamen Nacht, auf dem ſtum⸗ men Hügel lebte die verwittwete Braut mit nicht erſtorbenem, nicht gealter⸗ tem Gemüthe noch einmal alles durch, erfuhr heute noch einmal dies Geſchick wieder als etwas ganz Neues: anfangs die Heimkehr ihres Freundes von der langen Reiſe, die ihm Ehre und Gewinn verſchafft; die erſten wonnigen Stunden, in denen man ſich ſo wunderſam fremd und traut zugleich ent⸗ gegentritt; dann Antons leichtes Erkranken, das ſchnell in ein hitziges Fieber überſchlug. Vielleicht hat er ſich zu ſehr angeſtrengt drüben in der Welt⸗ ſtadt,— alles für ſein Lenchen, nur um dem Prinzipal, der mit der Einrichtung eines fürſtlichen Palais beauftragt war, recht viel zu leiſten, recht unentbehrlich zu werden!— Das Mädchen durfte den jungen Mann nicht einmal pflegen, die Mutter duldete es nicht in ihrer Strenge, weil die Verlobung noch nicht öffentlich war.„Ihr ſeid ja noch nicht in der Kirche ausgerufen!“ hieß es bei der in ihren Begriffen von altem Herkommen genau abgegrenzten Bürgersfrau. Kaum ließ ſie ſich endlich bewegen, daß Lene, als es zum Aeußerſten kam, von ihrem Geliebten Abſchied nehmen


