252 Der Todtengräber.
wächst, das Kreuz neben dem Denkmal des franzöſiſchen Generals?“— „Ja das nämliche, Lene. Es ſind ſeitdem wohl über zwanzig Jahre ver⸗ ſtrichen, aber ich habe das Klopfen heute noch im Ohre wie damals. Ich höre es bis in meinen Traum hinein. Es klopft mich zum Gericht. Es iſt der Vote, der mich vor die ewige Juſtiz fordert. Ich weiß es jetzt wohl ſchon ſeit geraumer Zeit: es iſt mein Gewiſſen, das klopft! Mit jedem Herz⸗ ſchlag ruft es mich vor die Schranken, wo man die Verdammniß über mich ſpricht. Klopfen und klopfen, ohne daß mir aufgethan wird! Ich habe das Urtheil ja ſelbſt über mich gefällt. Wie ich kein Erbarmen übte, werde ich auch keines finden.— Sieh, Lene, das habe ich dir beichten wollen.“—
Sie hatte während der erſchütternden Mittheilung öfters die Farbe gewechſelt vor Entſetzen und Mitgefühl, ja ſogar wiederholt ſich feſthalten müſſen an der Lehne des Großvaterſtuhls, um nicht umzuſinken. Sie be⸗ deckte zuletzt die Augen mit der Hand.„Auch du, Kind, auch du verhüllſt dein Angeſicht vor meinem Verbrechen!“ ſchrie der Todtengräber.„Wie ich kein Erbarmen übte, werde ich auch keines finden.“—„Nachbar,“ entgeg⸗ nete jetzt Lene, indem ſie ihm ihre ſanften, nun geiſterbleichen Züge wieder zeigte, mit zitternder Stimme,„Nachbar, verzweifeln Sie nicht.—„Nein, mir wird nimmermehr verziehen.“—„Ihnen wird verziehen vom himm⸗ liſchen Erbarmen, ſobald Sie daran glauben.“—„Klopfen und nicht auf⸗ gethan!“—„Klopfen und aufgethan! Gott ſieht Ihre Reue an. Geben Sie ſich ſeiner Gnade hin. Nachbar, ein Menſch, der dem andern in ſolcher Stunde gegenüber geſtellt wird, darf wohl zu ihm für den Herrn ſprechen: er vergibt Ihnen durch den Mund einer armen Magd.“—„Wie kann Gott ſolchem Sünder vergeben?“—„Wenn Ihnen ſchon ein ſchwacher Menſchengeiſt verzeihen kann, wie viel mehr der göttliche, der Brunnen aller Gnaden? Gerhard, in ſeinem Namen verzeihe ich Ihnen und bringe Ihnen den Friedensgruß für Zeit und Ewigkeit.“—„Du haſt leicht verzeihen, Lene; du biſt gut, urtheilſt ja über jedermann mild, und ich habe dich zu⸗ dem nie ſelbſt beleidigt. Was kümmert Dich mein Vergehen?“
„Ich bin die Braut deſſen, der dort unter dem ſteinernen Kreuze ſchläft, das die Halme begraben, und der jetzt nicht mehr aufwacht.“
„Die Braut!“— Mehr vermochte der Kranke nicht hervorzubrin⸗ gen. Zwei große Tropfen rollten über die Backenknochen des ſtarren Alten. Er machte eine Bewegung, als wenn er aus dem Lehnſtuhle vor der Nähe⸗ rin auf die Knie gleiten wollte. Sie hielt ihn zurück, indem ſie ihn ſanft
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