Jahrgang 
1855
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250 Der Todtengräber.

einſargten. Lebendig begraben! der Gedanke war ihm eine Hölle. Wen packt er nicht zu Zeiten wie Albdrücken?

Jungfer Lene, begann der Mann an einem grauen Tage, wo der Himmel Regenwolken über Regenwolken wälzte;Jungfer Lene, begann er, indem er mit ſachtem Finger bedächtlich ſie zu ſeinem Großvaterſtuhl heran winkte,ich will Ihnen beichten. Legen Sie das Nähzeug weg. Sie machte große Augen; als ſie ſich jedoch überzeugte, daß es ihm ernſt war, legte ſie die gefalteten Hände wie ein folgſames aufmerkendes Kind auf den Lehnſeſſel und ſchaute erwartend zu dem Kranken nieder.Ich muß es jemand ſagen, fuhr dieſer fort,nur Einer Kreatur, ich halte es nicht mehr allein aus. Es hat mich lang genug von allen Geſchöpfen fort⸗ getrieben, das war es ja, was immer zwiſchen mich und ſie getreten iſt, dieſes entſetzliche Räthſel! Niemand durfte es ahnen, darum floh ich die Menſchen; und auch, weil, ſobald ich mich zu ihnen neigen mochte, meine geheime Schuld rieſengroß vor mir wuchs und mich niederzuſchmettern drohte. Freilich, wenn ich nicht von jeher gegen meinen Nächſten mit Fleiß mich verhärtet, hätte es nicht ſo weit mit mir kommen, das Aergſte nicht ge⸗ ſchehen können. Ich war wohl von klein auf umhergeſtoßen; früh iſt mir das Leben rauh geweſen. Das verbitterte ſchon den Knaben und machte den Mann ſtarr. Glauben Sie, daß man bei dem Handwerk überhaupt ſehr weich bleibt? Ich hab es ohnehin mühſelig gehabt hier auf meiner Stelle: ſchwere Arbeit, nur wenig Hülfe. Am Abend war ich oft völlig ermattet.

Er ſchien unwillkürlich durch dieſe Einleitung ſein Bekenntniß noch länger hinausſchieben zu wollen. Plötzlich nahm er ſich zuſammen und fing an, ſo leiſe und haſtig wie möglich, aber ganz heiſer und hohl, den Hals emporſtreckend, um näher an dem Ohre ſeiner Zuhörerin zu ſein, die er mit fahlem Leichenblicke anſtierte:Einmal, es iſt ſchon viele Jahre her, habe ich einen liegen laſſen, den ich im Sarge klopfen hörte. Das liegt mir jezt ſo fürchterlich auf der Seele.

Der Näherin ſtockte der Athem in der Bruſt vor Schrecken und Mit⸗ leid. Sie ſtand da wie ein ſteinernes Bild.Er ſpricht im Fieber, hoffte ſie noch in der Stille; Meiſter Gerhard aber ſagte, nachdem er wie erſchöpft von übermäßiger Anſtrengung eine Weile geſchwiegen hatte:Es war ſchon ſpät am Abend, um dieſe Stunde; ich wollte ausruhen, heimgehen und mir etwas kochen, es hungerte mich. Ich kam dort drüben an einem