Jahrgang 
1855
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Von Emma Niendorf. 249

ein gutes Auskommen ſichern wollte. Die Verlobung blieb ein Geheimniß, das aber Einer dem Andern in der Familie anvertraute, verſteht ſich, unter dreifachem Siegel. Man flüſterte ſchon von der Ausſtattung, die natürlich unübertrefflich genäht werden mußte und bei der, um der ſiechen, unbemit⸗ telten Wittwe die Laſt zu erleichtern, einige Pathen und die Tante, ja ſogar die Bäschen ſich nützlich zu erweiſen dachten. Alles fügte ſich heiter und vielverſprechend. Aber wie ganz anders mußte es kommen! Und jetzt iſt das längſt vorbei. Die Näherin war mit ihren lächelnden und thränen⸗ vollen Bilderreihen, die ſie ſich aus der Vergangenheit vormalte, noch nie⸗ mals fertig, wenn ſie ihre Wohnung erreichte und die etwas ſteile Treppe zur Manſarde hinaufſtieg. Niemals war ſie fertig, auch wenn der Schlum⸗ mer die müden Wimpern ſanft überſchlich, bei den abgearbeiteten, jetzt end⸗ lich zum Ruhen demüthig über die oft beſtürmte Bruſt gekreuzten Händen. Es iſt nicht zu glauben, wie oft man mit ſolchenBildern immer wieder von vorne anfangen kann: ein Stoff endlos und unerſchöpflich, ewig und unſäglich, wie die Welt, wie das ganze Sein. Und ſo eilt mehr oder weniger faſt jeder Menſch, malend und dichtend, ſich erinnernd mehr als vergeſſend, durch das flüchtige Leben hin.

Ob Meiſter Gerhard wohl auch malte und dichtete? Es trieb ihn, wenigſtens innerlich, noch immer haſtig, düſter und wild umher, und noch immer floh ihn Frieden und Schlaf ſelbſt der letzte.Ich weiß nicht, ſterbe ich daran, oder läßt mich grade das nicht ſterben? ſeufzte der Kranke in ſeinen dunkeln Nächten.Warum habe ich nie den Muth gehabt, dieſe Qual abzuſchütteln, mit dem Ganzen ſie wegzuſchleudern; ſchon früher, vor Jahren, bevor ſie mir dieſe unerträgliche Laſt ward, die mich zu Boden drückt? Doch eben was mich drängt, meine Tage hinzuwerfen, zwingt mich auch wieder, mich feſt an ſie zu klammern, wie der Ertrinkende an die letzte Planke im Schiffbruche. Weil du nicht vor das Gericht treten willſt? Aber das Gericht iſt ja ſchon da, iſt immer ſchon da geweſen! Horch, es klopft, es klopft! Wer mir ſagte, daß mit dem lezten Hauche alles aus wäre! Ich wollte die Vernichtung wie meine Braut grüßen. Ob ſie wohl nicht wieder da unten aufwachen? Aufwachen Wachen, das iſt gräß⸗ lich! Singt mich ein, ſchrie er ſeiner Pflegerin zu,ſingt mich ein in meinen Schlaf! Dann ließ er ſich wieder, mit gerungenen Händen fieberhaft bittend, von ihr um Gotteswillen, um der himmliſchen Barm⸗ herzigkeit willen verſprechen, dafür zu haften, daß ſie ihn nicht ſcheintodt