Jahrgang 
1855
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248 Der Todtengräber.

mit leichten Schritten ab und zu, die Geſellſchaft zu bewirthen. Als Lene die Taſſe vor den jungen Menſchen hinſtellte, begegnete ſie ſeinem Auge, das ſie ſo tief anſchaute, ſo fremd und ſo traut zugleich; Vetter Jakob rückte und machte ihr Platz neben dieſem ſeinem Kameraden. Sie wußte nicht, wie ihr geſchah, als ſie an ſeiner Seite ſaß unter dem luftigen grünen Dache des Nußbaums, vor dem weißgedeckten Tiſche. Er legte den Jasmin, mit dem er vorhin geſpielt hatte, neben ihre Schale. Sie wagte aber nicht ihn zu nehmen, was ſie doch ſo gern gethan hätte, und ihn vorzuſtecken, wie die andern Mädchen die ihnen überreichten Sträußlein. Als Anton ſo hieß das ſchwarze Lockenhaar ihr die Milchkanne zuſchob, berührten ſich ihre Fingerſpitzen. Geredet hat von den Zweien damals keines mit dem andern, auch keinen Kaffee getrunken. Schweigſam ſaßen ſie vor den vollen Schalen, glücklicherweiſe unbeachtet in dem lauten Schäckern und Lachen der Gefährten. Es dämmerte ſchon etwas, da ſtimmten ſie jenes Lied an, aber Anton fiel nicht mit in den Geſang ein. Nach den erſten Strophen faßte er jedoch plötzlich ſo leiſe, ſo leiſe die Linke ſeiner Nachbarin, und hielt ſie eine kurze Weile, aber ohne ſie nur auch ein klein wenig zu drücken, eine kurze Weile, daß dem Mädchen wunderſelig und weh davon um's Herz ward. Bald nachher brach man auf. Als ſie an der Gartenthüre ſtanden, um noch einmal in das Thal hinunter zu ſehen, wo ſchon viele Lichtlein, gleich Johanniswürmern, im Grünen auffunkelten, bat Anton die Geſellen, das Lied zum Abſchied noch einmal zu ſingen:Nun thuſt du doch auch wieder den Mund auf, lachten ſie, und willfahrten ihm.

Seitdem, wenn er bei Tag und Nacht an Lenens Fenſtern vorbeiging, wo ſie mit ihrer damals ſchon kränkelnden Mutter wohnte, ſang oder pfiff er, meiſt ohne hinaufzulugen, dieſes Lied. Wo das Mädchen dieſes Lied vernahm, bei der Arbeit oder im Bett, am Brunnen, im Garten, oder auf dem Wege nach oder von der Kirche: immer verrieth ihr das frohe und bange Herzklopfen, daß ihr Freund in der Nähe ſei. Geſprochen haben ſie nicht mit einander. Darüber verging noch lange Zeit; doch wurden ſie zu⸗ letzt einig. Die Mutter hob ihre ſchmalen abgezehrten Hände zum Himmel auf und flehte um Segen für ihr Kind, das, vor ihr kniend, ihr alles geſtanden und die brennenden Wangen in ihr Deckbett verſteckt hatte, auf dem die weißen und rothen Roſen lagen, welche Anton zum erſtenmale der Liebſten brachte.

Er ſollte vorher nur noch eine Reiſe machen für ſeinen thätigen, reichen Prinzipal und Meiſter, der ihm die Leitung der Geſchäfte übertragen und