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Von Emma Niendorf. 247
Geſchäft in der eigenen Wohnung vollenden konnte. Sie kehrte Abends niemals heim in ihr Dachſtübchen, welches die Nachbarleute wegen den man⸗ cherlei darin aufgehängten Kränzen und Bildlein, wegen ſeiner Sauberkeit, und vermuthlich mehr noch wegen einer darüber ergoſſenen Sonntagſtille, mit einer Kapelle verglichen,— ohne von dem halberwachſenen Landmädchen abgelöst zu ſein, das ſich dreimal im Tage einfand, um den geringen Haus⸗ halt des Meiſters zu beſchaffen.
Der ſonſt ſo menſchenſcheue Mann hatte ſich in Kurzem dergeſtalt an die linde Sorgfalt und Theilnahme der Weißnäherin gewohnt, daß ſie ihm be⸗ reits nothwendig war. In ſeinen wenigen, immer ſeltenern humoriſtiſchen Augenblicken nannte er ſie ſeine Geheimeräthin. Lene war nun recht eigent⸗ lich die Geheimeräthin des Todes geworden, die Wärterin des Wärters der Leichen. Wenn ſie zuerſt ihr rührender Inſtinkt, das innige Erbarmen, zu dem verlaſſenen Alten geführt hatte, ſo war ſie jetzt durch die ſtärkſte Feſſel an ihn gebunden, die es für eine gute Seele giebt: daß er ihrer bedurfte.
Das Käuzlein entfernte ſich jedesmal ſo ſpät wie möglich aus dem Todtengräberhäuschen. Auch konnte ſie nicht umhin, unter der Gräber⸗ ſchaar etwas zu zögern. Die Luft ſchmeichelte ja ſo lind und doch ſo erfriſchend. Zuweilen trug ſie den Sang der Handwerksburſchen herüber, von der Lindenallee am Thore; ein altes Lied, Lene kannte es ſchon lange. Sie hatte es an dem Einen glücklichen Abend ihres Lebens zum erſtenmal ge⸗ hört. Es war im Mai. Wie duftete der Flieder! Die jungen Mädchen, Lene und ihr Bäslein— keines zählte über zwanzig Jahre— ſteckten ſich lachend die Lilazweige in den Reichthum der blonden und braunen Flechten. Man hatte am Feiertage einen langbeſprochenen Spaziergang in den Wein⸗ berg der Tante gemacht, worauf ſich alle ſchon den ganzen Winter freuten. Der einzige Sohn, der Vetter Jakob, der in einem Comptoir arbeitete und die Flöte blies, brachte noch ein paar Freunde mit, die auch muſikaliſch waren. Man ſchwatzte, ſang; die Burſchen neckten ſich mit den Jung⸗ frauen. Nur einer ſprach kein Wort mit Lene, drehte wie ſtumm eine Jas⸗ minblüthe zwiſchen den Fingern, blickte kaum einmal gleichſam auf der Flucht nach der Kleinen hin und wandte dann ſchnell wieder den ſchwarzen Krauskopf ab. Sie kannte ihn ſchon von früher. Am Weihnachtstag hatte ſie ihn auch bei der Tante getroffen.
Alles war heute ſeelenvergnügt; man kochte ſogar im Winzerhäuschen einen Kaffee. Die Mädchen lösten einander ab und liefen um die Wette


