246 Der Todtengräber.
zehrend funkeln aus dem bleichen, abgemagerten Geſicht.„Herr Nachbar, ein wenig Erdbeeren mit Zucker, das kühlt; die Frau Kraus hat ſie mir vorhin mitgegeben.“— Er antwortet durch ein verneinendes Zeichen. „Jungfer Lene,“ ſpricht er, während ſie die Untertaſſe mit dem Löffelchen wieder auf das Schränklein ſtellt,„Jungfer Lene, Sie ſind wohl gut, daß Sie bei einem Siechen aushalten; und noch dazu mitten unter Todtenbeinen und Todtentruhen, unter Moder und Staub, ſtatt daß Sie bei vergnügten Leuten bleiben könnten und draußen in Gottes Wald und Flur.“—„Meiſter, ich hab ſchon lang niemand in der fremden Welt. Der letzte Frieden iſt doch der beſte— mir iſt am wohlſten im Gottes⸗Garten. Er iſt ſchon jetzt meine Heimat, bis ich ganz darin ruhen darf.“—„Haben Sie denn nicht Furcht und Grauen vor der Verweſung und vor der entſetzlichen Todesnoth und Todesnacht?“—„O Nachbar, es iſt ja das Allerſchönſte, daß wir ſterben dürfen! Denkt Euch, wenn wir gar nicht fortgehen ſollten, wenn man uns jetzt hier vergäße und wir denen nicht nach könnten, die voraus ſind. Eine ſolche Verdammniß würde dieſe liebe Erde, in der man doch ſo ſanft ſchlummern mag, zur Hölle verwandeln.“— Sie ſchwieg faſt er⸗ ſchrocken vor ihren eigenen Worten; Gerhard hatte die Schüchterne noch nie ſo beredt geſehen. Er gab ihr ſeine glühende trockene Hand und legte das Geſicht auf die andere Seite in ſeinem Großvaterſtuhl.
An einem der folgenden Tage fragte er ſie nach langem Verſtummen
plötzlich mit ſeiner leiſeſten, ohnehin ſtets etwas heiſeren Stimme:„Jungfer
Nachbarin, was halten Sie von der Ohrenbeichte in der römiſch katholiſchen Kirche?“— Sie meinte beſchämt, er wolle einer dummen Perſon nur ſpotten, er, der ſelbſt faſt ein ſtudirter Mann ſei und ſo viel in den großen Büchern leſe. Sie ſchaute dabei mit einigem Reſpekt zu dem Sims über der Thüre hinauf wo ein nicht unbeträchtlicher Stoß von Folianten aufge⸗ ſpeichert lag, denn Gerhard pflegte von aller Welt Bücher zuſammen zu borgen. Sie lagen freilich nun beſtaubt und unberührt. Lene hatte wohl ſchon hin und wider dem Kranken vorgeleſen; ſie that es deutlich und ver⸗ ſtändig, mit jenem dem Volke eigenthümlichen Predigtton. Allein die Zeit wollte nicht ausreichen, weil gegenwärtig Arbeiten ſich häuften durch die Beſtellungen einer wohlhabenden Familie, welche ihren Sohn für die Uni⸗ verſität mit Leibwäſche ausrüſten wollte. Grade dies jedoch verſtattete der Weißnäherin auch wieder, ſich häufig bei Gerhard aufzuhalten, da ſie nicht in fremde Häuſer gehen,„ausnähen“ mußte, ſondern das ihr übertragene
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