Jahrgang 
1855
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244 Der Todtengräber.

gleich einer Weihnachtbeſcheerung da, und mit wehmüthiger Luſt betrachtete die Einſame ihr liebreich vollendetes Werk, bevor ſie alles ſorglichſt zuſam⸗ men faltete mit ihrer leichten flinken Hand, den feinen zugeſpitzten Fingern, von denen der Vordere an der Linken durch hundert und hundert Nadelſtiche verwundet und noch dünner als die übrigen war.

Nun geht ſie an das offene Fenſter. Durch die Luft zieht Hauch von tauſend Blüthenkelchen. Horch! Auch der Nachtigallſchlag bleibt nicht aus mit all ſeinem ſeligen Schmerz. In Lene zittert das Weh ihrer frühſten Frühlinge nach. Sie hat auch einmal einen Maiabend erlebt! Aber das iſt alles vorbei. Und doch lebt es fort und fort.

Meiſter Gerhard hatte vorhin, als die Frauen ihn beobachteten, ſich nach einem Grabe umgewendet, in der nämlichen Richtung, in welcher die Näherin auf ihrem Heimwege vor dem übermoosten eingeſunkenen Stein⸗ kreuz verweilte. Faſt mühſelig nur ſchleppte er ſich endlich zur Pforte ſeines ſchmalen einſtöckigen Wohngebäudes, das, wie billig, als Gärtnerhaus dieſes Gartens, mit den Fenſtern wenigſtens von einer Seite auf die Leichenbeete ſah, indeß die andere ſich gegen die Epheumauer drängte. Der Mann ſtöhnte peinlich und griff wiederholt mit der Hand nach der Bruſt. Auf der Schwelle blieb er ſtehen, an die Wand ſich lehnend. Er knöpfte ſeinen Rock bis hinauf zu.Es iſt doch feucht und kalt, ſagte er in ſich hinein mit einem leichten Schaudern und trocknete ſich dabei die Stirne er hatte ſich hier, wo alle verſtummten, das laute Sprechen mit ſich ſelbſt angewöhnt.Wenn ich mich nicht verderben will, muß ich hinein in den dumpfen Käfig. Nur noch einen Augenblick im Freien! Es iſt ſo ſchwül drinnen, wo die Holzwürmer pochen, die Todtenuhr. Horch, hat es nicht an der Pyramide geklopft? Oder dort bei dem Aſchenkrug des Prälaten? Nein, aus mir heraus hämmert es. Da drinnen in meinem Herzen ſitzt der ewige Klopfgeiſt, und mahnt mich, Schlag für Schlag. Ich werd' wie⸗ der nicht ſchlafen können aus lauter Angſt, daß ich nicht ſchlafen kann. Nur Schlaf, Schlaf! Aber ohne Träume. Ob ſie wohl auch noch träumen müſſen da unten in ihren Truhen? Geſtern Morgen hab ich abermals ge⸗ träumt von dem großen Kirchhof; da ſeh' ich immer viele Weiber, die die Leichen wiegen und in Schlummer ſingen, und eigens dazu beſtellt ſind, die Todten einzuſchläfern. Das ſei etwas Schweres, ſagen ſie mir. Ob ich denn meine, daß man gleich ſo ruhig da liegen bleiben könne? So ruhig da liegen! Ich ſollte nur doch.