242 Der Todtengräber.
aber auch keinen Herbſt haben, und deren Jahre faſt eben ſowohl in den Zwanzigen, als nahe an die Vierzig zählen mögen.
Von dem braunen Thurme der alten Hauptkirche, deren Zifferblatt noch wie eitel Gold flimmerte, erhoben ſich jetzt feierliche Trompetenklänge, welche in die Straßen hinab wie ein ehrwürdiger Ruf aus der Vorväter Zeiten, aber in die grünende duftige Landſchaft hinaus wie etwas Barbaren⸗ thum ſchallten. Lene legte das Linnenzeug, an dem ſie eben die letzten Stiche beendigt hatte, pünktlich zuſammen und händigte es der Frau ein.„Drin⸗ nen in der Stadt bläst man ſchon wieder Trauer,“ ſagte dieſe.„Wen bringen ſie wohl dieſer Tage? Da wird der Meiſter auch zu ſchaufeln haben. Sieh, dort kommt er gerade hinter dem Holderbuſch hervor.“— Sie deutete mit dem runden braunen Arme auf den nahen Friedhof, über deſſen niedere, mit Epheu und wilden Roſenſträuchen überhängte Mauer man hineinſchauen konnte mitten auf das ſtumme Gewühl von Kreuzen, Steinmalen, Blumenbeeten, Inſchriften, Laubwerk, Cypreſſen und Lebens⸗ bäumen. Ein feiner bläulicher Flor ſchien ſich bereits über die dichtgehäuften Grasbetten zu breiten, wie zu noch tieferem Nachtſchlummer.
„Die Grube iſt vielleicht ſchon fertig,“ fuhr die Nachbarin fort. „Nein, er hat kein Handwerkszeug. Er hat die Arme leer anf den Rücken gekreuzt. Wie krumm er geht, als müßte er die größte Laſt ſchleppen! Wie er ſich vorwärts bückt, als wollte er ganz in den Boden hinunter! So ſchwer und widerwillig hebt er immer die Füße auf, wie ein ſteinalter Mann, und er iſt doch kaum ein ſtarker Fünfziger, der Herr Gerhard.“— „Kaum ein ſtarker Fünfziger und hat einen Kahlkopf bis auf die wenigen weißen Härlein!“ wunderte ſich Lene.—„Faſt ein ſo glatter Schädel wie die, welche er herausgräbt,“ lachte das Weib, indem ſie fortwährend das Kind in ihrem Arm wiegte und ſachte aufſtand, um es in ſeinen Schlafkorb zu tragen.
„Was dreht er ſich denn immer um, als ſchliche ihm einer nach? Fürchtet er Spitzbuben? Nach was ſieht er ſo hin?— Gute Nacht, Meiſter.“—
Der Todtengräber war, ohne den Gruß zu hören, ſchon wieder hinter einem hohen Monument verſchwunden, das im Mondlichte weiß zu ſchim⸗ mern begann. Lene ſchlüpfte in ihren Spenzer, nahm das Körbchen, in das ſie ihr Nähgeräth packte, und eilte fort von der Nachbarin, die inzwi⸗ ſchen ihren Jungen in die Wiege gelegt hatte, noch ein paar Schritte be⸗ gleitet.„Es iſt eben nicht gut, wenn man ſo einſam iſt,“ ſetzte Letztere das Geſpräch fort.„Das macht den Meiſter Gerhard auch ſo beſonders. Er


