Der Todtengräber.
Von
Emma Niendorf.
Ueber den Föhrenwald ſah ſchon das bleiche Mondgeſicht herauf, indeß drüben der Tag die Rebengewinde auf den weſtlichen Höhen noch immer nicht verlaſſen wollte; der Abendſtern nur blitzte wie ein Diamant auf dem unendlichen Goldgrund, das Thal hatte ſich weiße Sträuße an die Bruſt geſteckt, denn es war Mai. Ueberall hallte es wieder, rings um die Stadt, von weichen Vogelkehlen und girrenden Kinderſtimmen.
Auf der Bank vor einem weißen kleinen Haus mit enger Thüre, die auch ein von der Abendverklärung warm angehauchter Blüthenbaum über⸗ wölbte, ſaßen zwei Frauen; die eine nähte emſig, die andere, ein junges Weib, ließ das Knäblein auf ihrem Schooße tanzen, welches wie aus einem Verkleinerungsſpiegel das weiß und roſige, volle Geſicht der Mutter wieder⸗ gab. Die Erſte, eine gar ſchmächtige Geſtalt, ſah nur von ihrer Arbeit auf, um dem Kleinen mit dem gutmüthigſten, beinahe auch rein kindlichen Lächeln zuzunicken.„Ja, ſo einen Burſchen ſollten Sie auch haben,“ meinte die Nachbarin.„Warum nicht?“ fuhr ſie fort, als jene kaum merklich den Kopf ſchüttelte.„Es fehlt noch heute nicht an Freiern!“—„Frau Kraus, das iſt vorbei.“—„Als alte Jungfer ſterben? Lene, wie trübſelig!“— „Allein muß ich ſein und bleiben,“ entgegnete die Näherin und ſenkte ihre ſchattigen Wimpern noch tiefer. Als ſie das Auge von neuem unwillkürlich zum Himmel aufſchlug, war ein Glänzen darin— man wußte nicht ob nur vom Purpur des Sonnenuntergangs, oder von einem andern, ge⸗ heimen Nachglühen in der Seele zurückgebracht. Das Mädchen gehörte unter die niedlichen aber verkümmerten Figuren, die bleichen artigen Ge⸗ ſichter, deren Alter ſich nie berechnen läßt; die keinen Frühling, dafür Hausblätter. Zahrg. 1855. IV. Bd. 16


