Jahrgang 
1855
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228 Schleswig⸗Holſtein'ſche Bauern.

kommt, dem Lande ſein Leben und ſeine Erinnerungen an die Heimat mit. Nirgends drängt ſich einem die Wahrheit von Pindars Wort, daß das Waſſer das Beſte iſt, ſo überzeugend auf, nirgends möchte man ſo gerne an die Mythe glauben, welche die Göttin der Schönheit aus dem feuchten Elemente auftauchen läßt, als hier.

Wo irgend ein lebendiges Gewäſſer durch die Heide rinnt, iſt die Scene ſogleich eine andere. Ellernbrüche und breitblättrige Waſſerpflanzen, Rohr⸗ dickichte und fettes Gras bezeichnen die Niederung. Wieſen treten auf und beackerte Felder umgeben ſtattliche Bauernhöfe. Wo aber mehrere Bäche zuſammentreffend, einen Fluß gebildet haben, da ſtehen geſchloſſene Dörfer mit ſchönen Kirchen, behaglichen Wirthshäuſern, wohlverſehenen Kram⸗ läden, funkenſprühenden Schmieden und luſtig klappernden Mühlen, und ſelbſt kleine Gärten mit Obſt und Gemüſe fehlen nicht.

Die Erfindung des Mergelns hat außerordentlich viel dazu beigetragen, der Hand des Landwirths die Ueberwindung dieſer ſogenanntenhohen Geeſt und die Umwandlung der Wüſte in ein wenigſtens ſtellenweiſe fruchttragendes Land zu erleichtern. Alte Leute entſinnen ſich gar wohl, daß die Heide weit tiefer nach Angeln und Schwanſen hineinzüngelte, und ſelbſt Jüngere gingen hier noch über unwirthliche Strecken voll Moor und Sand, wo jetzt Roggen und Buchweizen lohnende Ernten liefern und das Vieh der Milchereien reichliche Nahrung findet.

Noch früher aber in der Urzeit bot der hohe Landrücken Schleswigs ſowohl wie Holſteins ein vollſtändig anderes Bild. Damals waren alle Heiden von der Elbe bis zur Königsau, ſelbſt die gegenwärtig mit Flug⸗ ſanddünen bedeckten Strecken von undurchdringlichen Wäldern beſchattet. Die Sage behauptet in ihrer poetiſchen Ausdrucksweiſe, daß in dieſer Zeit ein Eichhörnchen den ſieben Meilen langen Weg zwiſchen Apenrade und Rilen zurücklegen konnte, ohne den Boden zu berühren, und daß es bei Tondern einen Wald gab, in dem man die Sonne nicht ſah. Bei dem Heide⸗ dorfe Oſterlygum, auf deſſen Marken jetzt kaum ein Baum anzutreffen iſt, war einſt ein ſo dichter Forſt, daß man, wenn eine Braut von Gjenner nach der Lygumer Kirche zur Trauung ging, die niederhängenden Zweige abhauen mußte, um ihre Brautkrone zu ſchützen. In vielen Kirchen und ſelbſt in manchen alten Häuſern dieſer Gegenden ſollen die Balken noch aus jenem Urwalde ſtammen. Die erſtaunlichen Maſſen von Eichenholz, die man in den Mooren findet, und jener Krattbuſch, der namentlich bei Rends⸗