Jahrgang 
1855
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Von Moritz Buſch. 223

ab! Wie ſtolz ſchaut er auf den ſich nähernden Wanderer herab mit ſeinen kerzengeraden thurmhohen Stammesſäulen! Welch ein magiſcher Reiz, um Mittag den flimmernden Elfentanz der Sonnenſtrahlen auf ſeinem Unter⸗ holz oder ſeinem Moosteppich zu beobachten! Wie mächtig endlich ſtimmt es zur Andacht, den rothen Schein des ſinkenden Tagesgeſtirns des Abends gleich dem Lichte einer ewigen Lampe auf Münſterpfeilern an ſeinen Stäm⸗ men zu ſehen und dazu gleich einer rieſigen Orgel das fernher ſchallende Rauſchen des Meeres zu hören!

Und dann, welch ein endloſer Wechſel der Scenerie in den Hügeln, die gleich den Wogen der See, die ſie formten, Gipfel an Gipfel neben ein⸗ ander auftauchen! Hier ſchwellen ſie zu ſanften Lehnen, dort zu ſchrofferen Rücken an. Hier wölben ſie ſich zu einzeln ſtehenden Halbkugeln, dort ziehen ſie ſich als Ketten und Kämme hin. Bald tragen ſie Dörfer. Bald ſind ſie mit verſchiedenfarbigen Saatfeldern geſtreift. Bald ſteigen ſie als baumge⸗ krönte Höhen dunkel aus lichtgrünen Wieſen empor, bald wieder erheben ſie ſich als wieſenbekleidete ſonnenhelle Kuppen aus einem Kranze dunkler Bäume. Bald ſperren ſie, bald gewähren ſie Ausſichten.

Nirgends erblickt man eine eigentliche Ebene. Allenthalben hebt ſich und ſenkt ſich der Weg. Ueberall iſt er von jenen lebendigen Hecken einge⸗ faßt, welche den Engländer hier die Stammesheimat erkennen laſſen, und welche die Landſchaft dieſer Grenzgebiete Deutſchlands ſo ſehr von der im Innern unterſcheiden. Allerwärts beſchatten dieſe grünen Einfriedigungen die Straße, verbergen und öffnen immer aufs Neue die vor dem Wanderer gelegene Gegend und ſind ſo Urſache von unaufhörlichen Ueberraſchungen. Aus allerlei Straucharten, Erlen und Weiden, Haſeln und Hollunder⸗ büſchen, Schlehen und Weißdorn zuſammengeſetzt, von hundert und aber⸗ hundert Ranken, Farrenkräutern, Diſteln, Brombeeren und Kletten durch⸗ flochten, mit blauen Glockenblumen, Fliederdolden, weißem Kälberhals, purpurrothen Schlangenblumen, Jelängerjelieber, Augentroſt und Vergiß⸗ meinnicht geſchmückt, treten ſie in den ſogenannten Reddern zuweilen ſo nahe zuſammen, daß ſie förmliche Laubengänge bilden. Vögel und Käfer führen darin ein luſtiges Leben. Gezirp und Geſumm, Geraſchel und Geſang erfüllt ſie zur Sommerzeit.

Plötzlich thun ſie oder thut ſich der Wald oder die Hügelkette auf und eine jener herrlichen Buchten, die der Stolz Schleswig⸗Holſteins ſind, oder die endloſe Fläche des Meeres ſelbſt wird ſichtbar. Am gelben Sandgeſtade