Jahrgang 
1855
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Schleswig-Holſtein'ſche Bauern.

Pflege und dem Altenburgiſchen an die Seite zu ſetzen wären, ſind hier, im öſtlichen Dritttheile der Herzogthümer, ſehr ſeltene Erſcheinungen.

Dagegen iſt das Land hier ſchön, wie wenige andere. Schroffe Fels⸗ hänge freilich, brauſende Waſſerfälle, wolkenſpaltende Berge, epheubewach⸗ ſene Kloſter⸗ und Burgruinen ſucht der Wanderer in ihm vergeblich. Es bietet dem, deſſen Sinn nach Romantik, nach dem Reize des Erhabenen, Wilden und Unheimlichen ſteht, ſo wenig als die gelaſſene, nüchterne, dem Ungewöhnlichen und Unverſtändlichen durchgehends abgeneigte Art ſeiner Bewohner. Romantiſch und maleriſch ſind indeß nicht Begriffe, die ſich decken. Es läßt ſich eine landſchaftliche Schönheit denken, die nicht roman⸗ tiſch und dennoch ſchön, dennoch dem Künſtler wie dem Naturfreunde lieb und werth iſt, und dieſe prägt ſich in der Oſtküſte Nordalbingiens ſo reizend und erquickend aus, wie vielleicht nirgends ſonſt in Deutſchland. Es iſt jene heitere, milde, ruhige Schönheit, bei deren harmoniſcher Farbenmiſchung, deren weichen Linien, ſanften Uebergängen und freundlichen Fernſichten das Staunen vor dem Behagen zurücktritt. Es iſt die Schönheit der vollende⸗ ten Erde gegenüber derjenigen, welche die Erinnerungen an den Giganten⸗ Kampf der Urzeit an ſich tragen. Der ganze vierzig Meilen lange Küſten⸗ ſtreifen vom Heſſenſtein bis zur Bucht von Kolding iſt, bald in größerer, bald in geringerer Breite, ein einziger unabſehbarer Park, emporgeſtiegen aus dem Schvoße der blauen Oſtſee, geformt von den Geiſtern ihrer Wellen, die einſt ſich bis zu jenen hohen Rücken in der Mitte der Halbinſel erhoben und noch jetzt in anmuthig gebildeten, tief einſchneidenden Föhrden und Seitenbuchten meilenweit in das Land hineinſpülen. Er iſt ein Naturpark, durchzogen von ſanftgerundeten Hügelketten, aus deren Thälern mühlen⸗ treibende Bäche, bald von dunkellaubigen, hochſtämmigen Buchenholzungen beſchattet, bald von hellgrünen Wieſen eingeſchloſſen, in das Blachfeld hin⸗ abrinnen, wo heckenumkränzte Getreidefelder, ſchmucke Dörfer mit Storch⸗ neſtern auf den Dächern, und zahlreiche rothe Rinderheerden dem Auge begegnen, während da, wo jene Höhenkette ſich zur Keſſelform ausbreitet, bald idylliſch heiter, bald mit einem Anhauche von Melancholie, ſpiegelklare, kryſtallhelle Landſeen, umgeben von dem gefälligſten Wechſel von Wald und Feld, liegen.

Wie anmuthig heben ſich die Gruppen eines ſolchen baltiſchen Buchen⸗ waldes aus der Ferne betrachtet von der Meeresbläue, dem Netz der Hecken⸗ umfriedigung und dem gelben Korn und Raps in den Maſchen dieſes Netzes