Von Bernd von Guſeck. 5
„Mein Vater iſt leider nicht zu Hauſe,“ entgegnete ſie, da er nicht gleich fortfuhr.„Aber wenn Sie ein alter Bekannter unſerer Familie ſind, ſo wird ſich meine Mutter freuen, Sie zu ſehen. Ich begleite Sie, wenn Sie es wünſchen.“ Sie nahm ihr Netz auf und legte es in ein ziemlich großes Arbeitskörbchen, das ſie über den Arm hing.„Ihre Frau Mutter iſt doch — eine geborne von—“, hier ſtockte er abermals, da er ſich beſann, ob es gerathen ſei, die Bekanntſchaft gleich ſo in den Vordergrund des Wiederſehens zu ſtellen.—„Eine geborne Lichtenbrunn,“ ergänzte die Tochter.—
„Ja, ja,— der Name war mir nicht ganz ſicher. Ich habe nicht die Ehre, von Ihrer Frau Mutter gekannt zu ſein. Doch wenn Sie mich ein⸗ führen wollen— erlauben Sie, daß ich mich Ihnen vorſtelle.“ Er ſchien auch über ſeinen eigenen Namen nicht ganz ſicher zu ſein, eine Zerſtreutheit, welche bei jeder andern Begegnung das junge Mädchen ergötzt haben würde, in dieſem Augenblicke aber, da ſie mit ernſten Gedanken beſchäftigt war, ſpurlos an ihr vorüber ging.
„Ich heiße Grüter,“ brachte er dann hervor. Sie verneigte ſich und Beide gingen neben einander den Bach hinauf, bis der Fußpfad in einen breiten, wohl unterhaltenen Fahrweg mündete, der aus dem höher liegenden Bergſtädtchen, deſſen grauen Schieferthurm man von hier ſehen konnte, durch eine ſanft abſinkende Schlucht in dies Thal und dann in grader Rich⸗ tung nach dem Thalhofe führte. Grüters Auge ſchweifte raſtlos umher; die Aehnlichkeit, welche er aus der Vogelſchau vom Berge wahrgenommen hatte, trat hier unten weniger hervor; nur die Bauart des Thalhofes, die er jetzt genauer erkennen konnte, war bis zu den Gallerien, welche, hier zu Lande gar nicht üblich, um das obere Stockwerk liefen, die genaueſte Nach⸗ bildung ſeines Vaterhauſes, der Stätte, wo die Wiege des alten Mannes geſtanden hatte, welcher ſtumm neben dem blühenden Mädchen einherging. Sie war ſonſt ſo unbefangen, wußte leicht und natürlich jedermann zu be⸗ gegnen; unbeholfene Blödigkeit kannte ſie gar nicht, aber das Weſen des Fremden machte ſie, ihr ſelbſt unbegreiflich, befangen, und wo es ihr ſonſt nie an einem ungezwungenen Wort der Unterhaltung fehlte, wußte ſie jetzt das Schweigen, wie peinlich es ihr auch wurde, nicht zu unterbrechen.
Der ſchmetternde Klang eines Poſthorns, das ſich hinter Beiden, wo die Schlucht vom Bergſattel ſich zu ſenken begann, hören ließ, kam ihr end⸗ lich zu Hülfe. Sie wandte ſich raſch um und als ſie deutlich den Reiſewagen


