4 Der Thalhof.
Kopf rechts und links neigte, wie die Voögel, die über ihr im Laube verſteckt ſaßen und auf ſie nieder ſchauten. Der alte Herr ſtand eine Weile ſtill und hielt ſelbſt den Athem an, um ſie zu belauſchen; die Stimme klang ſo ſüß! Nur das Lied verdroß ihn, es war ein ganz ordinäres Volkslied, das er ſehr genau kannte, aber nur von Bauernmädchen oder Hirten gehört hatte, nie⸗ mals von den Lippen einer Dame. Und wenn alles ſonſt zu der Ahnung geſtimmt hätte, die ihn bewegte, ſeit er die ſchlanke Geſtalt vom Berge herab geſehen— dies Lied ſtrafte die Ahnung Lügen, denn ſie, die er meinte und die er hier wiederzuſehen glaubte, hätte es niemals geſungen. Als ihm das klar geworden war, fand er ſogleich ſeine ganze Nüchternheit wieder; er räuſperte ſich, um ſeine Nähe bemerklich zu machen, ohne die ſtrickende Sängerin zu erſchrecken, eine unnöthige Sorge, denn ſie war nicht von ſo ſchwachen Ner⸗ ven und erſchrack ſo leicht vor keinem, ſelbſt nicht vor dem überraſchendſten Zufall. Ruhig wandte ſie ſich nach ihm um— und zeigte ihm ein jugend⸗ liches Geſicht, das ihm ganz niedlich vorkam, aber keinen Zug von demjeni⸗ gen hatte, auf welches er ſchon halb gefaßt geweſen war. Er zog den Hut und näherte ſich, während ſie ihr Netz auf die Bank legte und aufſtand.
„Ich bitte um Verzeihung, mein Fräulein, Sie geſtört zu haben,“ begann er höflich.—„O nein, ich war nicht eben ſehr vertieft in meine Arbeit,“ erwiderte ſie lächelnd.„Suchen Sie meinen Vater?“—„Das iſt — doch der Thalhof?“ fragte er, in gewiſſer Weiſe ausweichend.—„So haben ihn die Gebirgsleute getauft,“ ſagte ſie,„wir hatten einen roman⸗ tiſchern Namen im Sinne, indeſſen blieb das Natürliche, wie immer, im Recht.“—„Und— darf ich fragen— der Graf von Ried wohnt doch hier?“
Bei dieſem Namen flog ein Schatten über das lächelnde Antlitz des jungen Mädchens, es wurde plötzlich ernſt.„Graf Ried wohnt hier nicht,“ erwiderte ſie etwas zögernd.—„Aber Ried doch?“ wiederholte der Fremde ſchnell.„Der Beſitzer des Thalhofes heißt Ried und iſt Ihr Herr Vater?“ —„Mein Vater heißt Ried und der Thalhof, den er erbaut hat, gehört ihm,“ antwortete ſie, und in ihrem Tone lag eine Frage, welche der Fremde nicht mißverſtehen konnte.„Ich bin— ein alter Bekannter Ihres Vaters— Ihres Herrn Vaters, verzeihen Sie— vielleicht ſein älteſter Bekannter.“ — Es war in ſeinem Tone etwas Befangenes, das dem jungen Mädchen auffallen mußte, und ſie ſah den Sprecher befremdet an, als er einen Mo⸗ ment inne hielt, offenbar ungewiß, ob er ſich ohne Rückhalt ausſprechen ſollte.


