Jahrgang 
1855
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Von Bernd von Guſeck. 3

Faſſung hätte wahrnehmen können, und wenn wir ihn zu Fuß erblicken, ſo iſt das nur, weil er aus ſeinem eigenen Reiſewagen geſtiegen war, um einen nähern und ſehr ſchönen Richtſteig einzuſchlagen, den ihm der Sonnen⸗ wirth droben im Gaſthaus auf der Hochfläche gerühmt hatte. Der Poſtillon fuhr mit vier Pferden langſam, wie ihm geboten war, den Wagen des Reiſenden auf der Straße, die in weitem Bogen die Bergmaſſe über dem Thalhofe umkreiste, und blies ſich eben ſeinMantellied, das unvermeid⸗ liche, ſoweit norddeutſche Poſthörner klingen.

Jetzt hatte der Fremde den letzten Abſatz des Berghanges erreicht, von wo er noch das Haus vollkommen überſchauen konnte; dann verlor ſich ſein Pfad in dichtes Geſträuch, aus welchem er erſt unten in der Thalſohle wie⸗ der hervortrat. Als der Reiſende ſich eben abwenden wollte, um in dieſe grüne Wildniß einzudringen, bemerkte er eine weibliche Geſtalt, welche aus der Thüre des Wohnhauſes trat, ſich mit lebhafter Kopfbewegung nach allen Seiten umſah und dann raſchen Schrittes nach dem Wildbache ging, über welchen eine hohe Brücke führte. Dem Beobachter ſchlug das Herz in der Bruſt; er hätte viel darum gegeben, das Geſicht der ſchlanken Fuß⸗ gängerin zu ſehen; doch trug ſie einen jener vorn und hinten niedergeboge⸗ nen breitrandigen Strohhüte, welche zwar ſehr kleidſam ſind, aber, wenn die Eignerin ſich nicht ſehen laſſen will und ihr Köpfchen ſenkt, das Antlitz vollſtändig allen fremden Blicken entziehen; von oben hätte überdem, ſo klar die Morgenbeleuchtung war, der alte Herr, deſſen Herz rebelliſch wurde, wohl auch unter jedem andern Hute die Züge, nach denen er ſpähte, nicht erkannt.Schäme dich, Clemens! ſagte er endlich, und er ſchien ſich auch wirklich zu ſchämen, denn er war ganz roth geworden.

Der Fußſteig, deſſen Schlangenkrümmen er nun durch das üppig wuchernde Unterholz verfolgte, ſchien ſich in unerreichbare Ferne auszu⸗ dehnen, ſo daß der Alte, der ſich ſelbſt Clemens genannt, ſchon glaubte, irre gegangen zu ſein, als er plötzlich aus dem Halbdunkel der Buchen, die ſich hoch über ihm wölbten, in das Freie trat, freilich faſt um die ganze Thal⸗ breite von dem Ziele ſeiner Wanderung entfernt, dafür aber, zu ſeiner großen Ueberraſchung, ganz in der Nähe der ſchlanken Dame, welche am Ufer des Baches unter drei hohen Bäumen auf einer Birkenbank ſaß und ein Netz ſtrickte, ein ganz gemeines, grobes Fiſchernetz. Sie hatte das Kom⸗ men des Fremden nicht bemerkt, denn ſie ſang harmlos und halblaut, oft unterbrochen, ein Liedchen, wobei ſie zuweilen ihre Arbeit muſternd, den 1*