Jahrgang 
1855
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2 Der Thalhof.

in dieſem Momente ſo warm und wonnig, wie in den friſcheſten Tagen der Jugend, denn der Anblick, der ſich ihm unten im Thale bot, erinnerte ihn lebendig an ſeine unvergeßliche Heimat. Ja er wähnte eine flüchtige Sekunde hindurch, daß ihm eine Fata Morgana das Bild ſeiner fernen, wirklichen Heimat im trügeriſchen Zauber vorſpiegele. Dort der Wildbach, der in Treppenfüllen von der felſigen Höhe raſch herniederſchäumte, um dann im vielgekrümmten Lauf gemächlich durch das üppige Thal zu ziehen, die ſanft⸗ geſchwungenen, mit dem herrlichſten Buchenwalde bekleideten Berghänge, das Gehöft mit dem ſtattlichen Wohnhauſe und den geräumigen Scheunen und Stallungen, der eingezäunte Garten voller Fruchtbäume, über ihm auf freigelegener Kuppe die freundliche Kapelle wie war das alles dem Einſamen ſo vertraut, wenn er das Urbild dieſer Nachahmung auch in langen Jahren nicht geſchaut hatte!Ich kann mir's aber denken! ſprach er vor ſich hin, nachdem er wieder zum Vewußtſein der Gegenwart gekommen war. Das freilicher ließ ſein helles Auge über Berg und Thal ſchweifen das hat er nicht ſchaffen können, aber da ers gefunden, wie es iſt, hat er ſein Haus gebaut, wie daheim. Ob ich ihn glücklich finden werde?

Mit dieſem Gedanken beſchäftigt ſtieg er nun, ſo raſch es gehen wollte, den ſteilen Pfad hernieder, der in das Thal und zu dem großen Gehöft führte, deſſen Erbauer ſich die anmuthigſte Stätte, wo es jetzt im Schutz der Höhen gegen die rauhen Nord⸗- und Oſtwinde lag, ausgeſucht hatte. Es war noch früh, doch eine ſtahlblaue Rauchſäule, welche von dem Schornſtein des Hauſes ſteilrecht in die reine Luft emporſtieg, um auf halber Berghöhe zu zerflattern, deutete an, daß in jenen Mauern ſchon das Leben erwacht ſei, und wie der Wanderer näher kam, hörte er auch das Vieh in den Stäl⸗ len ſich melden und den Klang einer Klapper, welche wohl die Leute zur Arbeit rief.Es geht ihm äußerlich gut! ſagte der Ankommende zufrieden. Das iſt mir lieb, ſehr lieb! Wenn es nur auch innerlich mit ihm gut beſtellt iſt! Ob das mit dem Wanderer ſelbſt der Fall war, hätte auch der ſchärfſte Beobachter nicht recht unterſcheiden können ſein Auge leuchtete zwar zu dieſer Stunde hell und klar, aber um ſeinen Mund, noch mehr über ſeine Stirne zogen ſich Linien, tief ausgefurcht, von zweifelhafter Bedeutung. Aeußerlich jedoch ſchien er, wie der Beſitzer des ſchönen Thalhofes dort unten, keine Urſache zur Klage zu haben: er war fein und anſtändig ge⸗ kleidet, hatte eben nach ſeiner goldenen Uhr geſehen, wobei man an ſeiner weißen, magern Hand einen koſtbaren Brillantring von alterthümlicher