Jahrgang 
1855
Einzelbild herunterladen

460 Berliner Skizzenbuch.

Plätze bietet. So iſt das Publikum ein ſtets wechſelndes, in Anſprüchen, Theilnahme, Kenntniß und Würdigung durchaus ungleichartiges, und eben darum leicht beſtimmbar und abhängig von dem einzig feſten Beſtandtheil deſſelben, der wohl organiſirten Claque, dieſem Krebsſchaden aller Schau⸗ ſpielkunſt, die überhaupt wie ihre Trägerin, die dramatiſche Poeſie, in ſicht⸗ barem Verfallen begriffen erſcheint. Das iſt eine Thatſache, die mit andern Bedingniſſen und Umſtänden zuſammenhängt, über welche zu ſchweigen, wenn nicht beſſer, ſo doch jedenfalls klüger iſt, als zu reden.

v. Bahns neueſte Pompejaniſchen Wandgemälde.

Nach langer Abweſenheit iſt Profeſſor Zahn wieder zu uns zurück⸗ gekehrt. Als ich ihm bei einem meiner Kunſtſpaziergänge auf der Straße begegnete und wir uns herzlich begrüßten, fand es ſich, daß wir uns ſeit guten vierzehn Monaten nicht geſehen hatten. Das iſt auch eine der Eigenthümlichkeiten des Lebens in einer großen Stadt, zumal in einer ſolchen, die, wie Berlin ſeit Wilhelm von Humboldts Zeiten, keine Salons in künſt⸗ leriſchem Sinne des Worts als geiſtige Vereinigungspunkte mehr beſitzt.

Der unermüdliche Mann, welcher die möglichſte Verbreitung der aus ihren Gräbern von Pompeji und Herkulanum wie durch ein Wunder auf⸗ erſtandenen Zeugniſſe für die hohe Blüthe und Meiſterſchaft griechiſcher Malerei ſeit einem vollen Menſchenalter zur Aufgabe ſeines Lebens gemacht hat, zeigte mir alsbald die neueſten Arbeiten, welche er, ſeit wir uns nicht geſehen hatten, für die dritte Folge ſeines großen, und man darf wohl ſagen weltberühmten Werkes(Die ſchönſten Ornamente und merkwürdigſten Ge⸗ mälde aus Pompeji, Herkulanum und Stabiae. Das Ganze dreihundert, meiſt farbige Tafeln mit dreißig Bogen Tert) vorbereitet hat und zu veröffent⸗ lichen im Begriff iſt. Unter dieſen an Ort und Stelle mittelſt Durchzeich⸗ nung von den Wänden ſelbſt entnommenen antiken Wandbildern war mir eine Reihe von ſechs derſelben in hohem Grade merkwürdig, welche erſt im Jahre 1847 bei der Ausgrabung des ſogenannten Hauſes der Sängerinnen (Casa delle Suonatrici), oder auch, nach einem gemalten Briefkouverte, das Haus des Marcus Lucretius genannt, entdeckt worden ſind. Dieſe Gruppe von Bildern ſchmückte in demſelben die Wände des Speiſeſalons, des ſoge⸗