Jahrgang 
1855
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256 Ein Schickſal.

wird, wenn ſich dazwiſchen grüne Streifen zeigen, liebe grüne Streifen, un⸗ endlich farbige Blumen, weiße Glocken und blaue Veilchen, und davon machen wir einen Kranz und ziehen damit immer weiter und weiter hinaus, bis wir ſie wieder finden, die Blume aller Blumen, ſo ſchön, ſo hold, ſo rein! Dieſe Worte hatte er wie in ſteigender Angſt geſprochen und dabei ſeinen Kopf tief herabgeſenkt, um beſſer in das unbewegliche Geſicht ſeines Hüters blicken zu können, ob vielleicht aus demſelben eine kleine Hoffnung zu ſchöpfen ſei.Willſt du, Gerard?

Doch hatte ſich in der Phyſiognomie des Herrn Krämer durchaus nicht das Mindeſte verändert; höchſtens ſchien er gelangweilt, eine Sache aber⸗ mals hören zu müſſen, die nach ſeinen Begriffen vollkommen kindiſch, ja verrückt war; er ſchien auch gar keine Luſt zu haben, ſich in Erörterungen einzulaſſen, ſondern erwiderte einfach:Es iſt wahrhaftig ſchon ſpät, wir müſſen die Lichter auslöſchen, alle Welt geht zu Bette, und das wollen wir auch thun. Das Geſicht des jungen Mannes zeigte in dieſem Augen⸗ blicke einen verzweifelten Kampf, eine Stufenleiter von der höchſten beſeli⸗ gendſten Hoffnung zur tiefſten ſchmerzlichſten Enttäuſchung.Nein, nein! ſagte er zähneknirſchend,nur Licht! Licht! Ich will nicht ſchlafen, Gerard! rief er darauf laut, indem er an das Fenſter eilte und den Vor⸗ hang zurückriß.Siehſt du wohl, daß nicht alle Welt ſchläft; dort fahren ſie herum mit ſchnellen Pferden und glänzenden Livreen. Glückliche, frohe Men⸗ ſchen! die heftige Aufregung, welche in dem Tone der Stimme des Kranken lag, bewogen Herrn Krämer, langſam aufzuſtehen und ſich ebenfalls dem Fenſter zu nähern.Bah! ſagte er,wie kann man wieder ſo aufgeregt ſein! Es iſt wahrhaftig beſſer, wenn wir ruhig zu Bette gehen. Denken Sie an was Anderes! man muß das alles vergeſſen.

O wie kann ich ſie vergeſſen! ſprach der junge Mann leiſe zu ſich ſelber,ſie vergeſſen, da ſie einmal mein war! Nie! nie! nie! Nach dieſen Worten blickte er eine Weile ſtarr zum Fenſter hinaus, wobei ſeine Züge ſich augenſcheinlich beruhigten, dann blitzte ſein Auge eigenthümlich, und momentan ſchien es, als zucke ein ſeltſames Lächeln um ſeinen Mund. Nachdem er noch eine Zeit lang die heiße Stirne an die kalten Scheiben gedrückt, wandte er ſich ruhig um und trat zum Tiſche, wo die ſchwere Kegel⸗ kugel auf dem venetianiſchen Glaſe lag. Er nahm ſie leicht in die Hand und rollte ſie mit ſo großer Kraft über den Teppich weg nach den Kegeln, daß ſie an der Wand hoch emporfuhr. Herr Krämer ſchüttelte den Kopf und