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Ein Schickſal.
Pauſe.„Die Aerzte riethen ihr Luftveränderung, ſie machte mit ihren El⸗ tern eine Reiſe nach Südfrankreich und Italien, und ich weiß in der That nicht, ob ſie zurückgekehrt iſt.“—„Alſo ſind die beiden Häuſer durch die Geſchichte ein wenig auseinander gekommen?“—„Schon vor dem Tode unſeres alten Herrn; und doch, ſeit Herr Baron Paul die Sachen verwaltet, hat es ſich wieder gut gemacht. Nur als vor einem halben Jahre die Aerzte zu einer Zuſammenkunft der beiden jungen Leute riethen, welche vielleicht auf das Gemüth des Kranken heilſam einwirken könnte—“—„So wider⸗ ſetzte ſich der Herr Baron Paul dieſer Zuſammenkunft?“ fragte Frangois mit einem ſeltſamen Lächeln;„ich verſtehe.“—„So, Ihr verſteht?“ er⸗ widerte der Andere mit einem kurzen und raſchen Kopfnicken.„Nun, das freut mich, und da Ihr nicht ganze ohne Verſtand ſeid, ſo werdet Ihr auch hoffentlich einſehen, wie die Geſchäfte hier geführt ſein wollen.“
„Aber eins begreife ich nicht,“ meinte der Bediente,„warum Ihr mit dem Kranken hier in der Stadt und dem Hauſe bleibt? Da gibt es doch ſtille und ruhige Aufbewahrungsorte, wo man glücklicherweiſe nicht ſo viel Umſtände zu machen braucht.“ Herr Krämer ſchüttelte verächtlich mit dem Kopfe, dann deutete er achſelzuckend auf ſeine Stirne und ſagte hierauf:„Es iſt ein Unglück, wenn man nicht weiter ſieht, als Einem die Naſe gewachſen iſt. Meint Ihr vielleicht, man ſtecke den einzigen Herrn eines großen Namens und ungeheuren Vermögens nur ſo mir nichts, dir nichts in irgend eine Anſtalt hinein? Das will zart behandelt ſein. Das iſt ein Grund; der andere aber iſt der, daß unſer Kranker in eine wahre Wuth geräth, wenn er nur aus irgend etwas zu merken glaubt, man wolle ihn aus der Stadt entfernen.“
„Alſo hat er ſehr lichte Momente?“ fragte der Bediente.—„Viel zu viel, um ein Narr zu ſein, und zu wenig, um vernünftig leben zu können. Ich ſage Euch, Frangois, es gibt Tage, wo wir Beide ſo ruhige Conver⸗ ſation führen und wo er ſo geſcheut fragt und antwortet, daß ein Dritter, der uns zuhörte, wahrhaftig kaum im Stande wäre, zu ſagen, wer von uns Beiden der Geſcheuteſte iſt.— Jetzt aber geht hinaus, ich habe ſchon ein paarmal bemerkt, daß er unwillige Blicke herüberſchießt; mir ſcheint, er will allein ſein, vielleicht ſchlafen. Du grundgütiger Herrgott!“ ſetzte er mit einem ſcheinheiligen Seufzer hinzu,„dann wäre dieſes mühſame Tagewerk auch wieder vorüber! Iſt noch ein Tropfen in der Flaſche?“ Statt aller Antwort füllte der Bediente den dargereichten Kelch nochmals, ſchlug dann


