Jahrgang 
1855
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Von F. W. Hackländer. 253

wobei er ſeine Hände aufhob, als wollte er ſie ſanft jemand auf das Haupt legen. Dann ſtand er auf, warf einen vielſagenden Blick auf ſeinen Hüter und fing darauf an, im Hintergrunde des Zimmers mit großen Schritten auf und ab zu gehen. So, das gilt für den Abendſegen, ſagte Herr Krämer jetzt wie zu ſich ſelbſt, indem er ſeiner Stimme, die ohnehin beim Vorleſen nicht viel Schwung bewieſen hatte, zum allergewöhnlichſten Geſprächston herabſtimmte, und als er bemerkte, daß der Kranke haſtig hin und her ging, fuhr er fort: Das kann er zehnmal des Tags hören und iſt hernach ruhig wie ein Lamm.Und er meint ſeine Braut damit? fragte der Bediente flü⸗ ſternd.Aber was ſagte er vorhin? er könne ſich kein Bild von ihr machen? das iſt in der That ſonderbar.Eigentlich nicht ſo ſonderbar, als Ihr glaubt, Frangois, meinte wichtig Herr Krämer.Die Aerzte und Gelehr⸗ ten ſagen: jeder Theil des Gehirns von Thier und Menſchen habe eine beſtimmte und abſonderliche Funktion; man hat darüber an Tauben Ver⸗ ſuche angeſtellt, das Gehirn eines ſolchen Geſchöpfes z. B. an irgend einer gewiſſen Stelle verletzt, und es ging nun beſtändig rückwärts, an einer an⸗ dern ſtürzte es unaufhaltſam vorwärts, bei einer dritten und vierten drehte es ſich in Einem fort rechts oder links herum. Das ſoll bei einem Menſchen nun gerade ſo ſein, und der Hieb dort, ſagte er ſo leiſe, daß es nur für den Bedienten verſtändlich war,muß gewiſſermaßen, wie ſie es nennen, einen Theil des Gedächtniſſes getroffen haben, denn wenn ſich der Herr auch gewiſſer Sachen, die früher vorfielen, außerordentlich gut erinnert, ſo hat er dagegen alle Perſonen ſeiner früheren Bekanntſchaft total vergeſſen; ſogar den alten Herrn erkannte er nicht wieder, ebenſo wenig mich, den er doch früher täglich geſehen. Und was nun ſeine Braut anbelangt, ſo hat er wohl eine Ahnung von der ganzen Geſchichte und blättert oft dort in dem großen Buche, wo die ſchoönen Mädchenköpfe abgezeichnet ſind; da kann er ſtunden⸗ lang überlegen und ſuchen, ohne zu finden, denn das ſieht man an der Trauer und dem Unmuthe, mit dem er das Buch jedesmal von ſich wegwirft. Alſo weiß er, daß er eine Braut gehabt und ſie verloren?Ge⸗ wiß, aber gerade, daß er fort und fort nachgrübelt und ihr Bild wieder zu finden ſuͤcht, wird ſeiner Geneſung, wenn überhaupt eine möglich wäre, ſehr hinderlich ſein.Und die junge Gräfin? fragte flüſternd der Be⸗ diente,hat ſich ihr Zuſtand geändert, oder iſt ſie ſchwermüthig geblieben? Wir wiſſen nicht viel von ihr, entgegnete Herr Krämer nach einer