Jahrgang 
1855
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252 Cin Schickſal.

Kälte,löſche die Lichter aus, es iſt kein gut Wetter heute Abend. Ja, löſche die Lichter aus! ſchrie der unglückliche Kranke, indem er mit den Zähnen knirſchte;aber wenn es auch finſter iſt, will ich dich doch treffen; ich ſehe dich auch in der Nacht. Und bei dieſen Worten griff er mit ſicherer Hand in den Kamin, ergriff eine kleine Schürſtange von polirtem Eiſen, die an der Seite lehnte, und ſchwang ſie drohend gegen Gerard.

Dieſer aber, dem dergleichen Auftritte ſchon zuweilen begegnet ſein mußten, und dem nichts der Art unerwartet kam, ergriff ruhig eine andere Stange, die an ſeiner Seite lehnte und ſagte:Nur zu; das wird ein arti⸗ ges Duell geben, eine Quart auf die Bruſt hieher und eine Prim in den Kopf dahin. Bei dieſen letzten Worten fuhr er ſich mit dem Nagel des Daumens über die Hirnſchaale, genau an derſelben Stelle, wo der Baron Breda damals jenen fürchterlichen Hieb erhalten. Und als ob er ſo eben erſt den Schlag bekommen, ſank der unglückliche junge Mann in den Stuhl zu⸗ rück, ließ die Stange fallen und fuhr mit beiden Händen an ſeine Stirne.

Herr Krämer blickte triumphirend lächelnd zu Frangvis auf, der jetzt ſeine Augbrauen noch höher emporzog und in Wahrheit ein Bild des Er⸗ ſtaunens abgab.Da wir nun wieder Freunde ſind, fuhr der Hüter nach einem längeren Stillſchweigen und mit einem fatalen Lächeln fort,ſo ſoll auch Frangvis das Buch holen, dort auf dem Tiſche das kleine rothe. Der Bediente that wie ihm befohlen, Herr Krämer öffnete es, ſuchte eine Weile und las dann:

Du biſt wie eine Blume, So hold und ſchön und rein.

Ja, ſie war wie eine Blume! ſeufzte der Unglückliche,ſo ſchön, ſo hold und auch gewiß ſo rein. Ich habe ſie lange angeſchaut und ſehe ſie noch vor mir, ſagte er träumeriſch;ich kann jedoch ihr Bild nicht mehr erkennen. Aber wenn ich nur daran denke, fließt Wehmuth in mein Herz. Mir iſt, als ob ich die Hände Aufs Haupt dir legen ſollt',

las Herr Krämer weiter. Betend, daß Gott dich erhalte So ſchön, ſo rein, ſo hold.

So das iſt's, ſchloß der Wärter.

Betend, daß Gott dich erhalte So ſchön, ſo rein, ſo hold,

wiederholte der Unglückliche mit leiſer, vor Wehmuth zitternder Stimme,