Jahrgang 
1855
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in n.

WM

Von F. W. Hackländer. 251

lange, und betrachteteſt dir den dunklen Himmel und die ſchwarzen Wolken, bis es allmählig heller würde und immer heller und der helle Tag anbräche. Denn wenn du ruhig abwarteſt, Gerard, ſo kommt doch der Tag zuletzt immer wieder, und darauf habe ich meine Hoffnung gebaut. Einen Stuhl! Dieſe letzten Worte galten dem Bedienten, der ſich auch beeilte, einen Fauteuil aus der Ecke herbeizuholen, in den ſich der junge Baron niederließ. Er ſtützte den Kopf in die Hand und blickte eine Zeit lang düſter in die Glut des Kaminfeuers, lächelte dann eigenthümlich und ſagte:Glaube mir, Gerard, ich habe in meinem Kopf viele gute Gedanken, das fühle ich wohl; aber verflucht! ich weiß ſie nie auszuſprechen. Iſt mir doch gerade, als habe ich hinter meiner Stirne ein eiſernes Gitterwerk, einen Käfig, ein Gedankengefängniß, und darin toben ſie oft wild durcheinander und ringen nach Freiheit, daß es mir ſchwindlig und angſt wird. In ſolchen Augen⸗ blicken drücke ich meine beiden Hände an den Kopf, um die toll durcheinan⸗ derſpringenden Ideen zu beruhigen. Gibt es kein Mittel, Gerard, dieſes Gitter aufzuſprengen? Du ſollteſt ſehen, was für prachtvolle Gedanken dann zum Vorſchein kommen. Gibt es kein Mittel? fragte er nach einer längeren Pauſe abermals.

Nein, es gibt keins, erwiderte der Hüter ziemlich barſch, und als der junge Mann bei dieſer Antwort den Kopf tief in ſeine Hände verbarg, ſagte jener flüſternd zu dem Bedienten:Gott ſei Dank, daß das eiſerne Gitter da iſt; wenn wir all dieſe Gedanken hören ſollten, das wäre um ſelbſt närriſch zu werden. Dabei bemerkte er übrigens nicht, wie ſchon bei den erſten Worten, die er ausſprach, der junge Mann einen Blick herüberwarf, einen Blick, der ſchrecklich war, und wie er darauf die Zähne zuſammenbiß; doch lehnte er ſich im nächſten Augenblick ruhig in den Fauteuil zurück, faltete die Hände und ſagte mit weicher Stimme:Lies mir etwas vor.Es iſt ſchon ſo ſpät, verſetzte Herr Krämer mürriſch.Lies mir vor! wiederholte heftig der Kranke.Auch habe ich Bruftſchmerzen, fuhr der Hüter fort; Frangois bring das große Bilderbuch her.

Und ich will kein Bilderbuch! rief nun der junge Mann mit aus⸗ brechendem Zorn.Verflucht ſei dein Bilderbuch, deine Hunde und Affen, ſelbſt Hund und Affe! Das Buch! ich will das Buch! Du weißt ſchon, was ich meine, und kennſt auch, was ich will, daß du mir vorleſen ſollſt. Ja, ſchaue mich nur mit deinen giftigen Augen an und winke deinem Hen⸗ kersknecht.Frangois! ſagte der Hüter mit einer unangenehmen