250 Ein Schickſal.
Sind wir doch alle verdammt, der Eine ein bischen mehr, der Andere ein bischen weniger; ich vielleicht am wenigſten, dann kommſt du meinetwegen. Wer aber die Qual der Verdammniß am verdienteſten trägt, das iſt da unſer Freund, der vor dem Kamine ſitzt,— der behaglich ſitzt,“ ſprach er nach einer Weile, wobei ſeine Augen anfingen zu blitzen und der Ton der Stimme immer heftiger wurde,„der da ſitzt, wenn ich ſtehe. Erhebe dich, Hallunke, ich, dein Herr, ſtehe vor dir!“
Obgleich Herr Krämer mitleidig und höhniſch lächelte, beeilte er ſich doch, dem erhaltenen Befehle auf das Schnellſte zu willfahren, dann aber, als er den ſchweren Seſſel zwiſchen ſich und den unglücklichen jungen Mann gebracht, veränderte er auf einmal ſeine Phyſiognomie, ſeine Augen blickten ſtarr vor ſich hin, wie um den Gegenſtand, den ſie erfaßt, zu bannen. Dabei kniff er die Lippen auf einander und ſtreckte den Hals ſo weit als möglich vor.„Alſo ſo weit wären wir wieder!“ rief er nach einer Pauſe,„das iſt der Dank für meine Mühe, daß man mir nicht einmal einen Augenblick Ruhe am Kamine gönnt! Habe ich darum Ihren Kopfſchmerz aufhören laſſen und ſo viele ſchöne Lichter angezündet? Ah! das Ding kann ſich än⸗ dern,“ ſetzte er grob und pöbelhaft hinzu;„bin ich vielleicht Ihr Narr, oder ſind—“. Glücklicherweiſe ſprach er dieſen furchtbaren Satz nicht aus. „Jetzt iſt mir ſchon alles einerlei. Allons, Frangvis, löſchen wir die Lichter aus, der Herr Baron lieben die Dunkelheit.“
Es war ſchmerzhaft anzuſehen, wie der unglückliche junge Mann in dieſem Augenblick ſich zu einem Lächeln zwang, zu einem Lächeln*ſo voll furchtbaren Schmerzes, daß ihm unwillkürlich während deſſelben zwei Thrä⸗ nen über die Wangen hinabrollten; aber das Lächeln ſiegte und als nun gerade von der Glut im Kamine einer der Holzblöcke auseinanderborſt und unzählige Funken herumſprühten, wurde das Lachen ſehr laut, natürlich und herzlich, und die Augen des jungen Mannes folgten mit offenbarem Wohl⸗ behagen dem Feuerregen, der übrigens nur eine Sekunde währte.
„Wie viel Uhr iſt es?“ fragte Herr Krämer ruhig den Bedienten. „Mir ſcheint, es iſt ſchon ſpät.“—„O nein, es iſt noch ſehr früh!“ rief haſtig der junge Mann,„für mich noch ſehr früh; ich will noch nicht ſchla⸗ fen, ich kann noch nicht ſchlafen. Oh Gerard,“ wandte er ſich an den Hüter, „wenn du einmal ſo furchtbare Träume hätteſt, wie ich, dann gingſt du gar nicht mehr zu Bette.“—„Und was thäte ich dann?“ ſprach der Andere.— „Du bliebſt am Fenſter ſitzen und ſchauteſt in die Nacht hinaus lange, lange,


