Von F. W. Hackländer. 249
Lehnſtuhle grade ſetzte und, wie es ſchien, unbefangen vor ſich hin blickte. Ein aufmerkſamer Beobachter aber hätte deutlich ſehen können, daß dieſes unbefangene Weſen erkünſtelt war, daß er vielmehr häufig forſchende Blicke vor ſich in den Spiegel warf und daß er mit ungetheilter Aufmerkſamkeit auf ein kleines Geräuſch im Nebenzimmer, ſowie auf ſich langſam nähernde Fußtritte lauſchte.
Unter der Thüre des Nebenkabinets oder Alkovens, von dem wir vorhin ſprachen, ward die Geſtalt eines jungen Mannes ſichtbar, der gegen das Kamin zuſchritt. Er mochte ungefähr vier⸗ oder ſechsundzwanzig Jahre haben, war hoch und ſchlank gewachſen, und wenn er etwas vorn überge⸗ beugt ging, ſo mochte das wohl daher kommen, weil er den Kopf tief herab⸗ ſinken ließ, ihn nur ſcheinbar mit der linken Hand unterſtützend, welche er an die Stirne gelegt hatte. Zwiſchen ſeinen weißen Fingern drängte ſich ſein lockiges blondes Haar hervor, welche ſeine hohe edle Stirne umgab. Sein Geſicht im Ganzen war angenehm, ohne ſchön zu ſein, es mußte früher einen unbeſchreiblich gutmüthigen Ausdruck gehabt haben; jetzt aber gaben ihm die zuſammengekniffenen Lippen und ein ſeltſamer Glanz in den hell— braunen Augen, ſowie ein unſteter Blick etwas Abſtoßendes, ja Unheim⸗ liches. Nachdem er einige Schritte in das Zimmer hineingethan, ließ er die linke Hand herabſinken, richtete den Kopf haſtig in die Höhe und blickte um ſich, anfänglich mit aufmerkſamem Geſichtsausdrucke, dann zuckten ſeine Lippen wie ungeduldig, und wenige Minuten nachher flog eine tiefe Trauer über ſeine Züge.
Mittlerweile war er vor den Kamin getreten, hatte ſich neben den Stuhl geſtellt, in welchem Herr Krämer ſaß, und ſagte mit einer tiefklingen⸗ den Stimme:„Es iſt ſchon ſo lange dunkel da draußen auf den Straßen, daß ich's endlich genug habe. Es könnte wieder Tag werden,— o ja, Tag werden,— ich liebe die Nacht nicht.— Ah!“ fuhr er nach einer Pauſe fort, während welcher er den Bedienten mit zuſammengezogenen Augenbrauen angeſehen,„wie kann es auch Tag ſein, wo ſolche Figuren ſind! Ich habe ja ſchon oft geſagt, daß du ein Kind der Finſterniß biſt. Nun, du haſt das Recht dazu; aber du haſt kein Recht, dich hier einzudrängen und ein Stück Dunkelheit hereinzuſchleppen in meine hellen Zimmer.— Hebe dich weg, Ver—“. Ehe er aber dieſes Wort ausſprach, drückte er beide Hände mit einem ſchneidenden Seufzer an die Stirne und ſagte, als er ſie nach einer Weile wieder herabſinken ließ:„Doch wozu dich wegſchicken, Kamerad?


