Jahrgang 
1855
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Von Joſeph Ennemoſer.

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ruft, wird man handgemein und verſucht ſeine Stärke, während die Mäd⸗ chen und andere Zuſchauer zur Seite ruhig zuſehen. Der Wettkampf findet meiſt nur unter den Größten ſtatt und dauert nicht lange. Der Sieg be⸗ ſteht in dem zu Boden Werfen und Meiſtern des Gegners, und die Trophäe iſt das Birkenſtöckchen. Nach dieſem erſten Kampfe ging die andere Partei nach Saltnuß, Hitt, Rain und Ilmen, und wir ſuchten das Seelſtück in Schönau und dann zu Rabenſtein, wo wir zur Kirchenzeit wieder zuſammen⸗ trafen und dann zum zweiten Male daſſelbe Kampfſpiel, nur etwas hitziger begannen, ſo daß es gewöhnlich blutige Geſichter gab, und von den ältern Zuſchauern das Ende geboten werden mußte. Von da beſuchte ferner jede Partei auf dem Heimweg den Reſt der noch übrigen Seelſtücke und kam gegen Abend ſeelenvergnügt nach Hauſe, wo die Tagesbegebenheiten und Erlebniſſe erzählt und das empfangene Geld gezählt wurde. Ich hatte jedesmal wohl über einen Gulden erhalten, das letztemal aber, als ich zu⸗ gleich den Hirtenlohn damit ausbezahlt erhielt, machte es über fünf Gulden aus, was mir eine bedeutende Geldſumme ſchien.

Der letzte Sommer hatte mir Geld und Ruhm gebracht; ich genoß ſchon über meine Familie hinaus ein bevorzugtes Zutrauen. Im Herbſte und im Frühwinter deſſelben Jahres ſtellte ich mich weiter in die Reihe der Großen, um alle Geſchäfte mit ihnen zu verrichten, und auch dabei wurde ich wegen meiner Brauchbarkeit und Stärke belobt. Das Hauptgeſchäft be⸗ ſtand jedoch in demBeſehen des Viehes, welches täglich dreimal geſchehen mußte, durch das Zubereiten und Darreichen des Heues mit gehöriger Menge von gemiſchtem Stroh; durch das täglich zweimalige Tränken, und endlich durch das Reinigen deſſelben. Das Melken wird zu Hinterſee ledig⸗ lich dem Frauengeſchlecht überlaſſen.

So war ich bereits herangewachſen zu einem ganz brauchbaren mit⸗ wirkenden Hausgenoſſen, allein in mir war der ſeit länger ſchon gehegte Gedanke reif geworden, dem Bauernſtande zu entſagen und Student zu werden. Ich habe bereits angeführt, daß das Kirchenweſen und die geiſt⸗ lichen Verrichtungen ſchon ſehr früh auf mich einen außerordentlichen Ein⸗ druck gemacht haben, worüber ich dem Großvater in unſerer Einſamkeit in der Alpe allerlei Fragen ſtellte, deſſen kurze Antworten meine Wißbe⸗ gierde nur noch mehr reizten. In der Schule genügte mir der Stoff der Lehrgegenſtände mit dem Leſen alter Briefe und Urkunden gar nicht. Das Aufſchreiben der eigenen Gedanken und ihr mündlicher Vortrag, wie ich es