Jahrgang 
1855
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Mein Leben.

Scheibchen Roggenbrod mit, welche ſo hart wie Kieſel und auch durch ihre Schmackhaftigkeit niemand zum Vielfraß gemacht hätten. Im Hochſommer hatte ich es beſſer, das Vieh wurde tiefer in die ebenere,

weit ſicherere Alpe gebracht, wo es nur Abends von den Höhen etwas tiefer

herabgetrieben wurde.

Des Morgens brauchte es gar keine Aufſicht, unter

Tags mußte jedoch immer in der ſtundenweit entlegenen Entfernung nach den auseinander laufenden Thieren geſehen werden, um ſie zu ſammeln und wenigſtens nicht aus den Augen zu verlieren; denn bei heißem Wetter wenn

ſie die Bremſen ſtechen, laufen ſie was man Scherzen nennet mit hochge⸗ hobenem Schwanz ſtundenweit wie toll, nach irgend einem Schatten unter Stein und Felſen oder nach einem Bach oder Wald. Dieſes Scherzen macht beſonders

den Kuhhirten viel zu ſchaffen, welche alle Abend ihre Heerde nach Hauſe treiben müſſen; da findet man äußerſt mühſam und oft bis in die finſtere Nacht die Kühe nicht zuſammen, und es geſchieht, daß ſie manchmal gar

nicht alle gefunden werden.

Mein Hirtenamt lief jedoch durchaus glück⸗

lich ab, und ich konnte jedermann die anvertrauten Stücke in voller Zahl

wohl überliefern, und die dankbare Bezahlung folgte bald darauf zu Aller⸗

ſeelen Tag, wo herkömmlich die Jugend von Hinterſee ein ganz eigen⸗ 3 thümliches Feſt feierte, das Krapfenſammeln, was jetzt aber auch abge⸗

kommen iſt.

Es verſammeln ſich nämlich einerſeits alle Knaben und Mädchen bis zu 13 Jahren von Ilmen, Rain, Hitt und Saltnuß, wie anderſeits jene von Gaſteig, Rabenſtein und Schönau ſchon vor Tagesanbruch. Die ganze Schaar von Kindern geht ſodann feſtlich geputzt und mit Büſchel Blumen auf den Hüten, die Vermöglichen ſo gut als die Aermeren, von Haus zu Haus zu jedem Bauern und bitten überall um einen Krapfen oder Jedes bekommt überall einen halben oder ganzen Kreuzer, bei Verwandten bekommt man meiſtens ein paar Krapfen.

ein Seelſtück.

In Schönau trafen wir nun als diesſeitige Partei mit der jenſeitigen, feindlichen auf der Ebene bei einem Stalle meiner Eltern zuſammen, und nun ſtellten wir uns in zwei Lager einander in kleiner Entfernung

gegenüber, indem die Knaben ihre eigens zu dieſem Zwecke abgehauenen weißen Birkenſtöcke von 2 3 Ellen Länge mit den herausfordernden Wor⸗ ten in die Höhe ſchwangen:Juhu, hieher wenn ös(ihr) eine Courage habt, Steckeln zu tauſchen. Necken dauert nicht lange, und indem jeder ſeinem beſtimmten Gegner zu⸗

Das gegenſeitige Fordern und ſchimpfende