Jahrgang 
1855
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Von Joſeph Ennemoſer. 235

fallen, verrichten für ſie aber auch oft die ſchwerſten Arbeiten auf dem Felde; ſelbſt den Männern haben ſie, der Sage nach, früher die Hitter Mühle beim Mahlen verſorgt.

Nachdem ich nun im nächſten Jahr neben der Heerde der Meinen be⸗ reits auch die Kühe eines Nachbars zu hüten gehabt, erhielt ich im folgenden zwölften Jahre ein noch wichtigeres Amt, welches ſonſt nur Erwachſenen und auch wohl mehreren Hirten anvertraut wird; ich bekam nämlich das Galt⸗ vieh von den drei Gemeinden von Hitt, Rain und Ilmen in der Alpe zu hüten, welches nach dem Verſchwinden des Schnees aufgeführt, während des ganzen Sommers im Freien bleibt und erſt im Herbſte wieder nach dem Stall getrieben wird. Ein ſolcher Gemeinde⸗Hirte iſt eine wichtige Perſon und genießt auch eine Art Anſehen, wie es nicht einmal Knechten zu Theil wird. Denn dazu iſt nicht nur eine genaue Ortskenntniß der Alpen⸗ weiden, ſondern auch eine gewiße Erfahrung im Hirtenleben erforderlich, wozu eine ſcharfe und genau unterſcheidende Kenntniß der einem jeden Bauern gehörenden Viehſtücke, und dann vorzüglich die wachſame Aufſicht und ſorgfältige Leitung derſelben auf der Weide kommt. Ich wußte dieſe Würde zu ſchätzen und mich in Anſehen zu ſetzen, indem ich mich dreiſt dazu verſtand, jederzeit vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abend wachſam auf dem Platze war, und den Beruf wenigſtens eben ſo gut als jeder der Vor⸗ gänger erfüllte. Es nahm ſich wirklich zuweilen ſpaßhaſt aus, wenn ältere Hirten zu mir kommen mußten, um von mir das Kommando zu empfangen, wenn die Bauern bei der Uebergabe des Viehes mit einer gewiſſen Ehrfurcht mir daſſelbe anvertrauten, und wenn ſie am Sonntage nach der Frühmeſſe zu Rabenſtein mich dankbar mit einem Trunk Brannt⸗ wein bewirthen wollten. Das Geſchäft war eben kein leichtes, aber deſſen ohngeachtet für mich ein freudiges. Ich mußte jeden Morgen vor Sonnenaufgang ſchon am Platze des Lagers ſein, auf welches das Vieh Abends nach Sonnenuntergang bis zum Wald herab zuſammengetrieben wurde, weil die ſteilen Weiden, in welche das Vieh ſich gerne verſteigt, gefährlich ſind. Abends hatte ich dann noch eine bis 1 ½ Stunden nach Hauſe zu gehen, ſo daß ich vor der finſtern Nacht nie heim kam. Die Nachtruhe war daher im ganzen Sommer ſehr kurz. Das Vormuß, das Frühſtück, wollte mir in ſolcher Morgenzeit noch gar nicht ſchmecken, zu dem Abendimbiß war ich meiſt zu müde und ſchläfrig, und unter Tags war die Mitgabe ſehr mäßig, denn ich nahm mir gewöhnlich nur drei kleine