Jahrgang 
1855
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234 Mein Leben.

Anfangs wenn das Vieh auf die Weide, mehr noch wenn ein Rind in eine andere Gemeinde getrieben wird, hat es, trotz der Luſt, mit der es aus⸗ zog, ein ordentliches Heimweh nach dem Stalle, von dem es, wenn es ſich einige Stunden herumgetummelt, beſonders bei ſchlechtem Wetter ſchwer ab⸗ zuhalten iſt. Wenn eine Kuh ein junges Kalb in einem Stalle hat, bleibt ſie nur bis gegen Mittag bei der Heerde und läßt ſich dann nur ſchwer oft gar nicht bis Abends aufhalten. Sie frißt nicht mehr und blöckt traurig den ganzen Tag, wenn ihr die Flucht unmöglich iſt, ſie reißt auch wohl Zäune ein und ſpottet des Hirten, der ihr die Heimkehr zum geliebten Ge⸗ genſtand wehrt.

Bei allen auch in den kleineren Heerden von 10 12 Stück Rindern gibt eine Kuh beſtändig gleichſam den Ton an auf den Wegen und Weiden. Nie iſt dies jedoch die Rablerin, welche vielmehr faſt immer hinter zwei oder drei Vorläufern folgt, aber auch nie unter den hinterſten bleibt, ge⸗ rade wie ein Feldherr, welcher ſeinen Vortrab vorausſchickt, das Heer aber nachfolgen läßt.

Eine merkwürdige Erſcheinung die indeſſen ſelten vorkommt, iſt, daß Kühe ſowohl als Pferde, auch das Kleinvieh des Nachts ohne alle ſichtbare Veranlaſſung wie von Geſpenſtern erſchreckt zuſammenlaufen, wo ſie dann mit keiner Gewalt auseinander oder weiter zu bringen ſind. Das Vieh ſchnaubt und ſchwitzt dann wie ein vor Geiſtern ſich fürchtender Menſch. Die Bauern ſchreiben dieſe Erſcheinung, die ich indeſſen nur unter dem Kleinvieh ein paar mal in geringem Maße geſehen habe, einem der Orken oder Bergmännchen zu, welche von Alters her in gewiſſen Gegenden hauſen und zuweilen das Vieh und die Menſchen necken ſollen. Die Hirten wollen beſonders in früheren Zeiten ſolche Orken geſehen haben, bald als Men⸗ ſchen mit zerriſſenen Kleidern, bald in Geſtalt eines zottigen Hundes. Bis⸗ weilen, ſo erzählt man, kommt dieſer unheimliche Geſell des Nachts an die Sennhütten und vor die Viehſtälle, läßt das Vieh los und treibt es mit einem Schlage und mit Schnelligkeit davon; beſonders gern ſoll er dieſen Spaß mit den Ziegen machen, die er Stunden weit bis auf die höchſten Bergſpitzen jagt, wo ſie dann drei Tage lang von keiner Menſchenhand be⸗ freit werden dürfen. Nach dieſer Zeit werden ſie aber unverletzt auf nied⸗ rigere Weideplätze gebracht. Dieſe Sage lebt noch in meiner Heimat. Die Orken treiben auch beſonders mit den Mägden allerlei Neckereien, ſie nehmen ihnen z. B. den Sitzſtock beim Melken auf einmal fort, daß ſie um⸗