Von Joſeph Ennemoſer. 233
an den Hörnern gekrönt, die ſie im Stolze des Selbſtgefühls mit hochge⸗ hobenem Kopfe zur Schau trägt.
Wird eine ſolche Rablerin aus ihrer Heerde heraus in eine andere getrieben, um eine kampfluſtige Gegnerin zu beſiegen, ſo ſträubt ſie ſich meiſt dagegen und unterliegt gewöhnlich im Kampfe, ihr mangelt das Ge⸗ fühl und Bewußtſein des Daheimſeins und der aus ihrer Gemeinſchaft ihr zuſtrömenden Kraft, welche der andern zu gute kommt.
Ich hatte aber eine Rablerin, die ſich auch in dieſer Hinſicht vor andern auszeichnete. Sie folgte mir willig, ſogar in eine ziemliche Entfernung, ließ ſich muthig in den Kampf ein, wenn ich bei ihr blieb, und war auch ſicher jedesmal die Siegerin, obgleich ſie an Größe und ſcheinbarer Stärke ſich gar nicht beſonders auszeichnete. Sowie ich mich aber entfernen wollte, wich ſie ſogleich dem Kampfe aus.
Die freundliche Behandlung und der beſtändige liebevolle Umgang des Hirten mit ſeinen Thieren hat eine ſolche Wirkung, daß ſie jedes Wort verſtehen und auf jedes Geheiß willig Folge leiſten, daß man, ſtatt ſie zu treiben, ihnen vorausgehen kann, wobei indeſſen doch auch wieder eine verſchiedene Gelehrigkeit und Folgſamkeit ſtattfindet. Ich kannte einen etwas älteren Hirten, welcher ſeinen Kühen auf den gefährlichſten Plätzen durch ſteile Felſen vorausging, und hin und wider den Weg etwas ebnend ſie auf die fetteſte Weide führte, wohin ſonſt höchſtens das Kleinvieh ging. Zu dieſer waghalſigen Kunſt habe ich mich nie erhoben; andern aber es zuvor zu thun, hatte ich doch oft große Luſt, und als ich einmal eine meiner gewöhnlich die höchſten, ſteilſten Punkte aufſuchenden Kühe in den ſteilen Bergmahden oberhalb Hitt prahleriſch meinen Kameraden zeigte und ihre Sicherheit rühmte, da ſtürzte ſie auf einmal hoch über uns herab, und rollte wie eine Kegelkugel den ſteilen Abhang hernieder. In meiner Beſtürzung behielt ich jedoch ſo viel Geiſtesgegenwart, ihr in der Diagonale entgegen zu laufen, wo ich ſie auf einer etwas ebeneren Stelle in ihrem Falle aufzu⸗ halten im Stande war. Wäre dies nicht geſchehen, ſo wäre ſie unfehlbar noch eine Stunde tiefer hinabgekugelt. Ich mußte jedoch mit der unſäglich⸗ ſten Anſtrengung die noch lebende Kuh mit meinem Rücken ſtützen und ſie ſo von dem ferneren Falle zurückhalten, während mein Kamerad nach Hauſe lief, um das Unglück anzuſagen. So hatte ich Muße, meine ſtraf⸗ bare Selbſtvermeſſenheit im tiefſten Kummer abzubüßen, bis nach ein paar Stunden die Knechte erſchienen und die Kuh auf einem Schlitten abholten.


