232 Mein Leben.
verhält ſich in gravitätiſcher Ruhe in der Mitte, ohne irgend eine ihrer Geführtinnen anzugreifen oder zu verfolgen; ſie ſieht vielmehr im ſtolzen Selbſtgefühle dem tobenden und leichtfertigen Spiele derſelben zu, ohne ſie ihre Herrſchaft thranniſch fühlen zu laſſen. Erkühnt ſich aber eine Gegne⸗ rin an ſie heranzukommen, ſo bleibt ſie auf der Stelle ſtehen und hält den Angriff ſo zu ſagen nur durch ihre Mienen zurück. Sie zieht den Kopf zur Erde nieder, ſchlägt den Schwanz in die Höhe, und indem ſie mit den Vor⸗ derfüßen, jetzt mit dem linken dann mit dem rechten, die Erde aufwühlt und ſie mit den Klauen in die Luft wirft, brüllt ſie Dampf durch die Naſe blaſend und Feuer aus den Augen ſprühend zornig und ausfordernd ent⸗ gegen. Auch die Gegnerin nähert ſich langſam und nicht geradeaus. Ein⸗ ander umkreiſend mit zur Seite gehaltenem Kopf und ſteifen Nacken, ſtoßen ſte dann plötzlich mit ihren Hörnern aufeinander und ſchieben Kopf auf Kopf die anprallende Gewalt mit dem geſpannteſten Aufwand der Kraft von der Stelle, auf der ſie anfangs einander die Wage haltend oft wie an⸗ gewurzelt feſtſtehen, bis die Schwächere zurückgedrängt wird, wenn ſie nicht die Ueberlegenheit fühlend auf einmal ausweicht und davon läuft, worauf die Siegerin der fliehenden Feindin höchſtens noch einen Stoß mit den Hörnern in die Seite verſetzt, ohne weiter noch einen Schritt zur Verfolgung von der Stelle zu thun. Es gibt ſolche rauf⸗ und ränkeſüchtigen Rinder, die, wenn ſie im Kampf mit ſtärkern unterlagen, dann ihre Rache und Verfolgungswuth an Schwächern oder ſonſt Friedfertigen auslaſſen, wäh⸗ rend die Rablerin dieſen nie ein Haar krümmt.
Dieſen Kampf fechten die Glieder eines und deſſelben Stalles gewöhn⸗ lich aus; länger aber dauert derſelbe unter den Rindern, die aus verſchiede⸗ nen Ställen und Gemeinden einander begegnen, bis ſie durch längern Um⸗ gang ſich kennen gelernt haben. Da ſind dann die Parteien der Zuſchauer in geſpannter Erwartung auf dem Platze des Wettkampfes verſammelt, wo zwei Rablerinen einander begegnen. Der Kampf beginnt mit mehr Rück⸗ halt und langſamerem Aneinanderrücken, dann aber mit um ſo größerer Ge⸗ walt und längerer Dauer; er wird oft zwei, dreimal, theils von ſelbſt, theils in Folge von Aufhetzung der Parteien wiederholt. Nicht allemal ſiegt die überwiegende Stärke, ſondern zuweilen ein planmäßiges Uebervortheilen, indem die ſchwächere, aber gewandtere Kämpferin auf einmal nachläßt, um die Feindin raſch von der Seite zu ſtoßen. Die Siegerin wird nun als Zierde des Stalles gehegt und gepflegt, und an vielen Orten mit Blumen


