Jahrgang 
1855
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Von Joſeph Ennemoſer. 231

worden ſind, ſondern auch die Arten einer Gattung unterſcheiden ſich in ſolchen Aeußerungen ganz individuell. Manche dieſer Thiere aus der kleinen mir untergebenen Heerde zeigten eine, man möchte ſagen, immer frohe luſtige Laune, andere folgten träge und ſchwerfällig hinten nach. Gewiſſe Triebe und Neigungen zu einem beſondern Verhalten haben alle, aber in Haß und Liebe, in Zorn und Gutmüthigkeit zeichnen ſich nur die Indi⸗ viduen aus.

Es iſt mir keine Thierart bekannt, welche bei der Befreiung von den Ketten der Sklaverei eine lebhaftere Freude zeigt als die Kühe. Sobald der Schnee in der Nähe der Häuſer geſchmolzen iſt und die nächſten Weide⸗ plätze zu grünen beginnen, werden die Kühe aus der langen Gefangenſchaft des Winters entlaſſen, und da muß man das Jubelgebrüll hören und das frohe Toben und Reißen am Barren, ſobald ſie nur von Weitem den erſten Klang der metallenen Schellen vernehmen, die herbeigetragen werden, um ſie ihnen für den ganzen Sommer auf ſchön verzierten Holzreifen um den Hals zu hängen. Dieſer Klang der Schellen verkündet ihnen die kommende Freiheit des Sommers. Der Hirt aber erkennt auf der Weide daran die verſchiedenen Individuen und die Richtungen ihrer Entfernung, wenn er ſie zuſammentreiben oder irgendwo abwehren ſoll. Eine jede Kuh bekommt die ihr paſſende und gut ſtehende Schelle. Der Rablerin ſo heißt die alle übrigen meiſternde Kuh, die Hauptzierde und der Stolz des Bauern und Hirten, gehört von Alters her die große Maiſchelle. Jetzt werden die Kühe von Barren und Ketten befreit; alles ſpringt und tanzt mit hoch⸗ geſchwungenem Schwanze in nicht zu zügelndem Jubel neben und übereinan⸗ der her, alles läuft und rauft, klingt und ſpringt, wie die aus der Schule entlaſſene Jugend. Der Genuß der neuerlangten Freiheit ſtillt ihnen zu⸗ erſt Hunger und Durſt, und die erſten Tage hindurch wird an das Graſen gar nicht recht gedacht, die Weide bildet vielmehr einen Tummelplatz und Tanzboden, auf welchem die erſten Sprünge bis zur Ermüdung durchge⸗ macht, ſowie die erſten Kämpfe der Raufluſt ausgekämpft werden.

Mehr oder weniger verſuchen dieſen Wettkampf theils aus neckender Luſt, theils aus Ernſt, um einander kennen zu lernen, alle Glieder der Heerde, was für die ganze Zukunft des Sommers nachhaltig bleibt, denn das Herr⸗ ſchen und Nachgeben geht aus dieſer Probe hervor. Die Rablerin er⸗ kennen indeſſen merkwürdiger Weiſe ſchon alle mehr oder weniger im Vor⸗ aus, ohne ſich zu verſuchen, und dieſe im Gefühle ihrer angebornen Stärke