230 Mein Leben.
ſüßen Duft verbreiten. Das Gelb der Ranunkeln, Potentillen und der Arnika; das Blau der Gentianen und Glockenblumen und das Lila, Purpur und Braunroth der Orchideen, ſieht man nur auf den Bergen in voller Pracht. Rauten und Wermuth, Frauenſchuh und Edelweiß gehören zu den Seltenheiten, die der Hirte ſogar nicht ohne Beſchwerde von ſteiniger Höhe holt. Die letzte und höchſte, auch wohl die am ſeltenſten geſehene Blume, der Sprik— primula glutinosa— übertrifft in ihrer Kleinheit und beſcheidenen lilarothen Farbe alle Blumen des Thales und der Ebene; ſie wächst nur in der Gletſcherhöhe und erſcheint auf den noch winterlichen Raſen am Rande des kaum geſchmolzenen Schnees.
Aber das Thierleben beſchäftigt den Hirten ſo mannigfach, bringt ihm ſoviel Luſt und Zerſtreuung, daß er ſeine Aufmerkſamkeit weniger auf Gegenden und Pflanzen richtet, wozu ihm ohnehin alle Anleitung fehlt. Dafür muſtert er die Heerde und beobachtet ſie nicht nur nach ihrer Geſtalt und Bewegung, ſondern auch in ihrem Betragen unter den Individuen, in ihren Seelenäußerungen. Das Treiben, Wehren und Holen des Viehes auf den Weideplätzen erfordert einen aufmerkſamen verſtändigen Sinn, und die Bauern beurtheilen ſchon aus dem Benehmen des jungen Hirtenknaben ſehr richtig ſeine zukünftige Brauchbarkeit und Geſchäftstüchtigkeit.
Die Lebensäußerungen der Thiere in der Freiheit und Geſellſchaft der Heerde ſind ſo vielſeitig und ſo eigenthümlicher Art, daß ſie ſelbſt dem pſychologiſchen Forſcher reichen Stoff bieten; vornehmlich aber regen ſie den Hirtenknaben zu Vergleichungen an, verſchaffen ihm ſolche Unterhaltungen, daß ſie ihm die Tage ſeiner Einſamkeit verkürzen, für den Winter eine Sehnſucht nach dem Alpenleben zurücklaſſen, und dieſes im ſpätern Alter als ein verlorenes Paradies betrachten laſſen.
Am meiſten Unterhaltung und Freude gewährt das Leben und Treiben der Heerden, beſonders des Rindviehes, mit dem ich in den letzten Jahren vor meiner Studentenzeit vorzüglich beſchäftigt war. Das Verhalten des⸗ ſelben in Rückſicht der Sinnesthätigkeit, der Aufmerkſamkeit, der Erinne⸗ rung und verſtändigen Schlauheit iſt es nicht allein, womit dieſe Thiere ſo⸗ gar den Menſchen übertreffen, ſondern faſt noch mehr iſt es die gemüthliche Seite, der Ausdruck ihrer Luſt und ihrer Trauer, welche Ergötzung und Bewunderung erregt. In Liſt und Stumpfſinn, in Muth und Furchtſam⸗ keit zeichnen ſich nicht nur gewiſſe Thiergeſchlechter, wie der Fuchs, der Löwe und der Haſe, der Eſel und der Ochs aus, ſo daß ſie zum Sprüchwort ge⸗
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