——
Von Joſeph Ennemoſer. 229
Sie ließen uns kleine Buben von Hitt und Rain nämlich ihre Ställe aus⸗ miſten und traktirten uns dafür mit der köſtlichſten, rahmigen Milch und friſch geſchlagenen Butter, auch wohl ein Rahmmuß wurde zuweilen zum Beſten gegeben. Auch kleine Hirtendienſte wurden oft gefordert, die ich für ſie als gelenkiger Burſche hurtig ausführte; ſo holte ich ihnen die Schweine von ferne her, oder ich lief eine Stunde weit, das Vieh vor gefährlichen Triften zu wahren, oder ſuchte die Pferde in der tiefen Alpe auf, die zu hoch geſtiegen waren, wobei ich mich zuweilen auf ihren Rücken ſchwang und im Galopp mich eine Weile erluſtigte, was jedoch ausdrücklich verboten war. Bei ſchlechtem Wetter war die Schöner Sennhütte ein höchſt will⸗ kommener Zufluchtsort, wo dann beim Butterſchlagen und Käſen wohl auch ein ſehr willkommener Biſſen abfiel. Die Gegenden ſowohl als das Leben der Thiere von dort beſchäftigten noch ſpäter vielſeitig meine Phanta⸗ ſie, und ich habe ſogar 1820 davon Veranlaſſung genommen, Beiträge zur Seelenkunde der Thiere in die Zeitſchrift für phyſiſche Aerzte von Profeſſor Naſſe zu ſchreiben.
Die Gegend von Hitt ſchilderte ich ſchon: wie dort von den Häuſern aus die gegenüber ſtehenden Berge in ihrer maleriſchen Großartigkeit ge⸗ ſehen werden, wie darüber hin Höfe und Weiler ausgeſtreut ſind, und Rabenſtein mit ſeiner Kirche aus dem tieferen Thale blickt. Der Wanderer freilich muß ſich mit der allgemeinen Gruppenzeichnung, dem allgemeinen Eindruck der Gegend, des Grüns in ſeinen Uebergängen vom Hellen in's Dunkle, des mit Blumen verzierten Waſens und des Schatten gebenden Waldes begnügen. Der Hirte aber weiß hier die Laubengänge zu den mit Kreſſe geſäumten friſchen Quellen und Luſtwäldchen und kennt dort die Felſenſchluchten mit den bemoosten Zellen, aus denen leiſe Geiſterſtimmen ihm entgegenflüſtern, ſowie aus finſtern Höhlen ein grauenvolles Echo hervortönt.
An ſchönen Sonnentagen war ich oft zum Zeitvertreibe beſchäftigt, einen Blumenkranz von Weiß durch Gelb und Roth und Blau bis zum dunklen Braun in allen Tinten und unmerkbaren Uebergängen zu flechten. Eine Farbenmiſchung, wie ſie die Alpenpflanzen vft in Einer Species dar⸗ bieten, findet man in den Gärten der Kunſt eben ſo wenig wie auf dem ebenen Lande. Das Weiß der Dryaden, Anemonen und Achilleen hat die feinſten, unmerkbarſten Uebergänge bis in's Roth⸗blau, ſowie die Alpen⸗ und Gletſchernelke, die Steinbrechen und Alpenroſen brennenden Glanz und


