228 Mein Leben.
und wieder verſchwindet, und dort ein Waſſerfall in die Tiefe ſtürzt. Auf der Sohle des Thales ſehen wir ſanfte, gleich Silberfäden dahin ſchlän⸗ gelnde Bäche, daneben ziehen ſich auf und abſteigende, hin⸗ und her ſich biegende Wege und Straßen, auf denen ſich etwas Lebendiges— kaum er⸗ kennbar ob Thiere oder Menſchen— fort bewegt nach einer Dorfkirche, deren Glocken eben noch, aber wunderbar gedämpft an unſer Ohr tönen. Heller ſchallen im Sommer die Lieder und Sangesweiſen der nicht ſehr ferne unter uns in den Mähdern Heu machenden munteren Buben und luſtigen Dirnen. Und während ſo über unzählige ferne Bergſpitzen hin Auge und Ohr in voller Beſchäftigung ſchwelgt, merken wir nicht einmal, daß unſere Füße auf einem lebendigen von der Kraft der Sonne geſtickten Blumen⸗ teppiche ſtehen, deſſen Farbenpracht von niemand bewundert wird, deſſen Aroma ungenoſſen im Opferduft der Erde zu dem Schöpfer aufſteigt.
Schon im folgenden Jahre überließ mir der Großvater im Sommer die Hut der Kühe allein, nachdem ich die Ziegen nur ſo lange beſorgt hatte bis die Kühe aus dem Stalle getrieben wurden. Er begleitete mich nur anfangs und zuweilen auch ſpäter einigemal, um ſich von meiner Zuver⸗ läßigkeit zu überzeugen. So jung ich war, ſo wurde ich doch für den beſten Hirten unter Meinesgleichen gehalten; ich wußte die Kühe zu meiſtern wie ein Großer, ich kannte die Plätze und Zeiten, wo und wann dieſelben mit dem Vieh betrieben werden ſollten, ich kannte die gefährlichen, zu vermei⸗ denden Punkte und die Vorſichtsmaßregeln, ein Unglück zu verhüten.
Das Geſchäft war übrigens auch nicht ſo ſchwer und mit viel weniger Mühe verbunden, als das Hüten der Schafe und Ziegen, mit denen ich es nun nur mehr im Beginne des Frühlings und Spätherbſtes zu thun hatte. Bei weitem mehr Luſt und Freude gab es jetzt auf dieſer zweiten Stufe meines Standes; denn jetzt war die Entfernung von Hauſe viel kürzer als auf den weiten Wegen der Ziegen. Die Kühe werden im Sommer häufig nur halbe Stunden weit in die Weiden hinausgetrieben, dann ſich ſelbſt überlaſſen und erſt Abends wieder aufgeſucht und nach Hauſe zum Melken getrieben. Unter Tags konnte ich meiſtens nach Hauſe umkehren und dort kleine Geſchäfte beſorgen oder den Leuten auf die Feldarbeit folgen. War dieſes etwa bei ſchlechtem Wetter oder, wenn das Vieh höher getrieben wird, nicht der Fall, ſo gab es größtentheils Geſellſchaft mit den Hirten der Nachbarn. Auch die nahe Schöneralpe wurde fleißig beſucht, wo ich mit den erwachſenen Sennhirten derſelben im guten Einverſtändniß lebte.
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