Von Joſeph Ennemoſer. 227
die Beſchwerden vergingen mit den Tagen und dem Wetter. In der erſten Zeit begleitete mich wohl auch zuweilen mein Vetter und— obwohl ſelten — der Großvater, und beide unterhielten mich mit Lehre und Anleitung und gewöhnten mich an meinen Beruf.
Hin und wider wurde ich im Sommer abgelöst, oder folgte dem Großvater mit den Kühen oder durfte gar die Knechte auf den Bergmähden beſuchen. Außerdem hatte ich eine eigene Ziege, die meckernd wie eine Amme mir zuging, wenn ich ihr rief und unter Tags Milch zu ſaugen ver⸗ langte, was mit dem Brode eine treffliche Nahrung war und mich ſo flink machte, daß ich wie eine Gemſe im ſchnellſten Laufe die höchſten Berge zu überſteigen im Stande war, ſo daß ich zuweilen auf der andern Seite des Berges plötzlich vor den erſtaunten Verwandten ſtand, wenn der Groß⸗ vater mir erlaubte einen ſolchen Ausflug von mehreren Stunden zu machen. Stock und Stein, Fels und Wand hielt mich da nicht ab in gerader Richtung nach dem Ziele zu rennen.
Die Verzagtheit war bald mit dem Schnee und Nebel verſchwunden, der Muth wuchs mit der Stärke der Glieder, und die Gipfel der Berge wurden die Zielpunkte, aus der Höhe in die Weite und Tiefe die da unten ſich hinziehenden Gegenden zu überſchauen. Die Luſt auf ſolchen Höhen in der reinen ätheriſchen Luft, in welcher man um ſo leichter wird je höher man ſteigt, iſt nicht nur für den fremden Beſucher da, auch dem Hirten iſt es ein dauernder, bei jeder Gelegenheit geſuchter Genuß. Ich vermag nicht meine Sehnſucht nach der freien Ausſicht von ſolchen oft ſehr ſchwer zu erſteigenden Höhen zu beſchreiben; nicht die Wonne dort oben in der Him⸗ melsklarheit, in der Betrachtung aller der Schönheiten, die das jugendliche Gemüth empfindet, aber der Verſtand noch nicht verſteht. Da wechſeln im Thale die langen Schatten des Waldes mit den hellen in Licht auftauchen⸗ den grünen Flächen der Matten, Mähder und Wieſen, auf denen zahlloſe Heerden der Schafe zunächſt unter den Gipfeln in den felſigten Wänden, dann tiefer unten das Galtvieh, junge Rinder und Stiere, und noch tiefer in den Alpen die Kuhheerden weiden mit dem in tauſend Schellen klingenden Geläute, und die emſigen Menſchen ihre Tagesgeſchäfte verrichten. Da
ziehen die weißen federartigen Nebelſchichten in wellenartigen Schwingungen
unter uns, hier in ſchmalen Streifen über die weitausgebreiteten Gegenden, dort bilden ſie einen breiten See, und daneben wieder durchſichtige Schleier, zwiſchen denen bald eine Sennhütte, bald eine Häuſergruppe auftaucht


