226 Mein Leben.
und ſo ſehr man durch die Gewohnheit ſich zufrieden ja vft recht vergnügt fühlt, ſo gibt es doch mitunter auch da viel Ungemach und bitteres Leiden. Bei Regenwetter ſind die Ziegen viel ſchwieriger zu hüten als das Rind⸗ vieh, dazu kommen oft die ungeheuer dicken Nebel auf den Hochgebirgen, die es ſo finſter machen, daß man keinen Fuß breit vor ſich ſieht und keinen Schritt ſicher vorwärts thut. In ſolchen Fällen weiß man gar nicht, wo⸗ hin man ſich wenden ſoll und iſt genöthigt oft ſtundenlang ruhig auf der Stelle zu halten um nicht zu Fall zu kommen. Noch ſchlimmer iſt es, wenn das Wetter mit einem Schneefall ſich löst. So hatte ich einmal den Auftrag erhalten, einige junge Kitzeln(Zicklein) von Hitt über den Schneeberg nach der Timmelſer Alpe zu treiben, welche gewöhnlich um St. Veit, in der Mitte Juni, mit Vieh, Ochſen, Pferden und einigen Böcken befahren wird. Mit Vergnügen zog ich Morgens mit der kleinen munteren vor mir hertanzenden Heerde beim ſchönſten Wetter aus. Bis gegen Mittag war ich ſchon auf der Uebergangshöhe vom Schneeberg nach dem Schwarzſee im hintern Timmels, wohin ich die Kitzeln zu treiben hatte. Die kleinen Thierchen waren aber ſchon ſehr müde, und nun lag noch ein weiter Weg vor mir, den ich faſt eine Stunde weit über den Gletſcher und Schnee zu nehmen hatte. Hier wurde die Noth groß, das Wetter wurde kalt und der Weg nicht ganz ſicher, meine Füße ohne Schuhe ſchwollen im Schnee hochroth an, und die Kitzeln wollten nicht mehr weiter, ich mußte abwech⸗ ſelnd einige tragen. Nach ſchwerer Mühe und mit gefühlloſen Füßen kam ich endlich doch auf den trockenen Boden hinab und brachte meine kleinen Pfleglinge an die gebotene Stelle zu reichem Graſe in die„Sommerfriſche,“ wo ſie viel beſſer gedeihen und keiner weitern Aufſicht bis zum Herbſte be⸗ dürfen— und erſt dann wieder heimgeholt werden. Jetzt blieb mir ſelbſt aber noch die Rückkehr auf demſelben Wege übrig, damit ich doch vor der tiefen Nacht wieder nach Hauſe kam.— Nach einer kurzen Ruhe und mit traurigem Abſchied von den allerliebſten und anhängigen kleinen Thierchen ſtieg ich muthig wieder auf dem Schneewege dem Joche zu, was mir nun an den ſchon gewohnten Füßen bei weitem nicht mehr ſo wehe that. Ich machte den Weg viel ſchneller, und das Gefühl des wohl vollbrachten Wer⸗ kes und des ſicheren Pfades nach der Heimat beflügelte die Schritte ſo, daß ich mit den übrigen Hirten noch bei hellem Tage nach Hauſe kam.
All dies genannte Trübſal und anderes Ungemach verſchwand aber gegen das Angenehme und Freudige des Hirtenlebens; die Traurigkeit und


