Jahrgang 
1855
Einzelbild herunterladen

222 Mein Leben.

und durch die damals vortrefflichen Geiſtlichen, welche die Kuratie zu Ra⸗ benſtein verſorgten, insbeſondere durch die Predigten, bei dem regelmäßigen Beſuch in der Schulzeit des Winters immer mehr in den Grundbegriffen der Religion geſtärkt. Da die Geiſtlichen mich gern ſahen und oft auszeichnend behandelten, ſo lenkte dies meine Aufmerkſamkeit beſonders auf den Prieſterſtand, von dem ich nicht nur wegen der mhſteriöſen Gebräuche, ſondern auch wegen der lehrreichen Vorträge, namentlich wegen der Krankenbefuche mit dem Sakramente, eine ſehr hohe Meinung bekam.

Durch die Schule und die Geiſtlichen gewann aber auch der ſonſt ausgeſtreute Saamen Nahrung zum Wachsthum und Krafttrieb. Der Geiſt fing an über ſein eigenes Beſitzthum nachzudenken, wie daſſelbe be⸗ ſchränkt oder erweitert wird durch das Verhalten zu den Umgebungen und Zeitereigniſſen. Ich konnte nun ſchon ſelber nachdenken über das, was gut, ſchön, wahr und recht iſt, und da durch die Geiſtlichkeit das kirchliche Leben, das religiöſe Gefühl geweckt und gepflegt wurde, ſo nahm dies um ſo mehr überhand, als die Einſamkeit des Hirtenlebens, in das ich nun bald über⸗ treten ſollte, dem Grübeln und Phantaſtren überhaupt Nahrung gibt. Wäre ich beſtändig mit geſelligen Arbeiten beſchäftigt worden, ſo wäre dem freien Gedankenſpiel unter den Brüdern, Vettern oder Knechten kein Raum übrig geblieben; ich hätte mit den Uebrigen gearbeitet und gedacht, was der Tag und die Umſtände Jahr aus Jahr ein mit ſich bringen. Eine gewiſſe Ab⸗ ſonderung und Einſamkeit iſt aber nothwendig, wenn die Geiſteskraft ſich ſammeln und auf das innere freie Gebiet der Gedanken richten ſoll, ſei es um die Phantaſie in poetiſchen Dichtungen ſich ergehen zu laſſen, ſei es, den Verſtand auf dem Felde der Erkenntniß zu üben, um das Wahre und Falſche zu finden, oder auf den Wogen der religiöſen Gefühle und der Selbſtbeherrſchung zu ſchwimmen. Jeder Stand, ja jeder Menſch hat ſeinen eigenen Lebenszweck durch die erwählte oder vorgezeichnete Beſchäftigung, allein es gehört außerdem eine gewiſſe Gedankenfreiheit überall nothwendig dazu, wenn die Geiſteskraft in dem innern Tempel der poetiſchen Schönheit, in das himmliſche Reich der Weisheit oder gar in das Allerheiligſte einer wahren Gottes⸗Erleuchtung dringen ſoll.