Jahrgang 
1855
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220 Mein Leben.

gebahnten Wege abgewichene Fuhrwerk ſtecken blieb. Da dieſes Fuhr⸗ werk frühzeitig genug an den Stellen des Aufladens gegenwärtig ſein mußte, und die Knechte nicht gerade zu einer genau beſtimmten Zeit mit dem Heu von dem Berge herab eintrafen, ſo mußte man da meiſtens bei großer Kälte lange warten, wobei ich in der leichten Kleidung bis zum Erſtarren zuſammenfror und beſonders die Füße, die völlig unempfindlich geworden, kaum mehr gebrauchen konnte. Dies mag wohl Urſache geweſen ſein, daß ich öfter an Halsentzündungen und beſchwerlichen Katarrhen zu leiden hatte, die ſogar in Eiterungen der Mandeln übergingen.

Zu ſolchen Halsübeln und Schluckbeſchwerden war ich ohnehin ſehr geneigt, und ich erinnere mich, daß man mich nach Rabenſtein zu einem Bauerndoktor geſchickt hat, wenn das Einreiben mit heißem Schmalz zu Hauſe nicht mehr helfen wollte; der Dorfarzt brachte dann ſeine Kunſt auf folgende Weiſe gegen das meiſtens herabgefallene Zäpfchen in Anwendung. Zuerſt rieb er mir den Wirbel auf dem Kopfe mit einem Geiſte ein und wiederholte es einigemal des Tags, ſodann legte er mich auf die Ofenbank dicht am heißen Ofen; unter das Genick aber ein Stück Holz und ließ den Kopf rückwärts hinabhängen. So mufßte ich liegen bleiben bis gegen Abend, wo ich dann aber noch vor der Nacht auf den Berg nach Hitt zurückzukehren hatte. Aber die Wiederholung dieſes Verfahrens konnte des zu heftigen Fiebers wegen bald nicht mehr ſtattfinden; die Natur, ſtärker als die Kunſt meines Aeſkulaps, half ſich dann mit einem Erweiterungsprozeſſe und rettete mich aus einem nicht immer gefahrloſen Zuſtande.

Ich bin während einer ſolchen Halsentzündung einmal einige Zeit im Delirium geweſen, worin eine ſchwarze Schreckgeſtalt mich fortwährend verfolgte, und mich mit aller Gewalt in ein Faß von unabſehbarer Tiefe werfen wollte. Der Untergang ſchien unvermeidlich. Auf einmal ſtand eine männliche Geſtalt in der Perſon des Heilands vor mir, berührte mich mit ſanften Zuſprüchen und liebreicher Unterſtützung; jetzt erwachte ich mit der vollen Beſinnung, und die anfangs noch vor mir ſtehende Geſtalt des Heilands verwandelte ſich in die Perſon meines jüngern Vetters; das Ge⸗ ſchwür war aufgegangen und das Halsübel verlor ſich nun ohne weiteres in Bälde.

Im Jahre 1795 herrſchte eine ſehr gefährliche Blattern⸗Epidemie zu Hinterſee; auch ich wurde von ihr mit einer ungewöhnlichen Heftigkeit er⸗ griffen, aber lediglich durch die eigene Kraft der Naturthätigkeit aus der