Jahrgang 
1855
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Von Joſeph Ennemoſer. 219

den Reihen auf und abgehend gute Ordnung zu halten, was ihm übrigens nicht erſchwert wurde, weil die Schüler ſich im Allgemeinen ſehr ruhig und ſittſam betrugen. Der Lehrer ging von einem Schüler zum andern, und zeigte dieſem das A. B. C., jenem das Buchſtabiren, und einem Dritten das Leſen oder Schreiben, was je nach dem Alter und der Stufe des Fort⸗ ſchrittes ohne beſondere Stundeneintheilung geſchah. Die Leiſtungen und Folgen dieſes Unterrichts waren nun allerdings ſehr mäßig; die wenigſten Kinder lernten im erſten Winter ordentlich leſen, und zwar nur das Ge⸗ druckte; das Geſchriebene ging noch langſamer, und zum richtigen Durch⸗ leſen eines Briefes oder einer Urkunde brachten es nur die Vorzüglichſten. Das Schreiben lernten Viele aber nur in der ganzen Zeit der drei bis fünfjähri⸗ gen Schulzeit, aber die Meiſten verlernten es dann wieder, ſo daß damals nur ſelten ein Briefſchreiber in Hinterſee zu finden war. Rechnen lernten wir gar nicht; wöchentlich einmal aber kam der Kurate Religions⸗Unterricht zu ertheilen und aus dem Katechismus zu eraminiren, was vor der Oſterzeit Sonntags auch öffentlich in der Kirche geſchah, beſonders bei denjenigen, welche zur Beichte vorbereitet wurden. Dazu kam man aber ſchon im neunten und zehnten Altersjahre.

Im erſten Winter lernte ich ziemlich gut leſen und auch etwas ſchreiben, im zweiten ging es noch beſſer, im dritten las ich alle alten Briefe und hundertjährigen Urkunden, die ſonſt niemand zu enttiffern vermochte, weß⸗ halb ich vielfach ſolche Aufgaben erhielt. So galt ich als eine Art Schieds⸗ richter und Aufklärer bei Streitſachen unter den Bauern, und meine Ver⸗ wandten hatten ihre Freude daran, beſonders der Großvater, der mich nun noch mehr in Affektion nahm und mir als eilfjährigem Knaben vielfach eine eigene Beſchäftigung, wie das Austreiben des Viehes auf die beſten Weide⸗ plätze, das Heimholen deſſelben und ſonſt kleine Beſtellungen übertrug, die ſonſt ſeine Söhne verrichten mußten. Zu ſolchen Verrichtungen gehörte auch das Beſehen(Füttern) der Ziegen und Schafe und das Leiten des Zuchtviehes im Winter beim Holz⸗ und Heueinführen von den Bergmähdern, von denen daſſelbe auf dem Schnee über die ſteilen Berge von den Knechten ſoweit herabgezogen wird, bis es auf Schlitten mit Kühen oder Stieren tiefer auf der Ebene nach Hauſe gefahren werden kann. Dieſe Fuhren waren mir indeſſen oft ſehr peinlich, denn das Vieh war nicht immer füg⸗ ſam, meine noch zu geringe Kraft konnte es nicht gehörig bändigen, und ſo gab es manchmal Irrfahrten im tiefen Schnee, in welchem das von dem