Jahrgang 
1855
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214 Mein Leben.

in der urſprünglichen Form heute noch vorhanden iſt, und im Sommer mehrfach nicht nur von den Hirten, ſondern ſogar von Etſchländern beſucht wird. Die Kirche und das Wirthshaus ſtehen in einer Höhe von nahe 8000 Fuß über dem Meer, und der höchſte der Kirche gegenüber liegende Berg⸗ kamm hat an 10,000 Fuß Höhe. Eine halbe Stunde oberhalb der Kirche führt das ſogenannte Knappenloch in das jenſeitige Thal von Ridnau, das nach Sterzing ausläuft. Dieſer Bergtunnel iſt einzig in ſeiner Art, er wurde 1720 zu beiden Seiten des ſehr hohen kaum im Sommer überſteigbaren Berges in Angriff genommen und in ſieben Jahren vollendet, iſt über drei⸗ hundert Klafter lang und noch in gangbarem Zuſtande, ſogar Vieh wird zuweilen hin- und hergetrieben, da er hoch und breit genug iſt. In der letzten Zeit, namentlich unter der baieriſchen Regierung, ging das Bergwerk ganz ein, wurde aber unlängſt von der öſterreichiſchen wieder aufgerichtet, ſo daß jetzt im Sommer mehrere Pochwerke im Gange ſind und den er⸗ giebigen, früher hingeworfenen Schutt aufarbeiten, ohne neue Stollen zu graben.

In meiner Hirtenzeit hielt ich mich ſehr viel auf dem Schneeberg auf; im Monat Juni, ſobald der Schnee geſchmolzen, trieb tch die Ziegen von Hitt hinauf, im September die Kühe und die Rinder, ſolange es das Wetter zuließ. In der Mitte des Sommers waren damals noch viele Samer(Sau⸗ mer) von Hinterſee oft mit mehr als hundert Pferden auf dem Schneeberge, um das Erz nach Ridenau hinüber zu ſaumen. Für dieſe mußten die herr⸗ lichen weitläufigen Weiden in dieſer Zeit ausſchließlich bewahrt werden.

Unter dieſen Samern hatte ich mehrere nahe Verwandte, und ich fand da zu jeder Zeit bei gutem Wetter etwas Gutes zu eſſen und wohl auch ein Glas Wein, bei ſchlechtem ein warmes Obdach. Für die Samer waren nämlich eigene Hütten Kauren genannt aufgemauert, für ihre Pferde aber von Holz aufgeführt. Damals gab es noch mehrere große Kauren auf dem oberen und unteren Berge für die Knappen, welche noch in den Stollen und Püchern(Pochwerken) arbeiteten; auch eine große Schmiede und eine Fleiſchbank war da. So gab es da im Sommer ein reges Leben, und be⸗ ſonders an Sonn⸗ und Feiertagen, wo immer ein Geiſtlicher aus Hinterſee den feierlichen Gottesdienſt verſah, und die Bauern von Hinterſee und die Hirten aus den umliegenden Alpen ſich verſammelten. Der Wirth in der Herren⸗Kaure hatte ein ſehr gutes Geſchäft, denn da war der Sammelplatz zu Spiel und Trunk gewöhnlich bis zum ſpäten Abend.