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6 Der ſchwarze Annibale.
Der Alte ſah mich mit ſeinen hellgrauen Augen an und ſchaute dann raſch zurück nach dem Hauſe des Maſſaro, wo ſich unterdeſſen in der Vor⸗ halle zwei Maulthiertreiber niedergelaſſen hatten, die auf ein Haar wie ein paar im Geſchäftsbetrieb befindliche Küſtenſchmuggler ausſahen. Zu mir zurückgewendet, legte er den Zeigefinger der Rechten an das untere Augen⸗ lid, zog es ein wenig abwärts— was in der Geberdenſprache des Volks einer Aufforderung zur Vorſicht gleichkommt,— und ſprach dann mit ein wenig gedämpfter Stimme„Ich will Euch alles ſagen und erzählen, Don Adolfo, aber nicht jetzt und nicht hier. Was ich Euch mittheilen werde, iſt nicht gut für anderer Leute Ohren, ſondern nur für die Eurigen. Auf dem Lande aber haben Bäume und Sträucher Ohren; auf dem Meere iſts anders; die Fiſche hören nichts, und wenn ſie auch etwas hören, können ſie doch nichts verrathen, denn ſie ſind ſtumm.“
Meine Begier, die Mittheilung des Alten zu vernehmen, wurde da⸗ durch natürlich nur noch mehr geſteigert, und da die Sonne bereits zum Untergange neigte und die Felſenſphinr Capri bereits in der violetten Glut der Abendfarben ſtrahlte, gebot ich den Aufbruch. Noch ehe wir die Marine erreicht hatten, wo Vincenzo ſchweigend unſer Boot ſegelfertig machte, war bereits die Nacht mit ſüdlicher Schnelligkeit, ohne Uebergangsdämmerung, auf Land und Meer niedergeſunken. Aber Mond und Sterne leuchteten hell genug über das dunkle Meer, und die Flammenkugeln und feurigen Strah⸗ lenbüſchel, die von Zeit zu Zeit aus dem Kratergipfel des alten Sünders Veſuv aufleuchteten, vermehrten nur den Zauber der ſchönſten Nacht. Im Boote ausgeſtreckt auf der Schilfmatte und gegen die Nachtkühle bedeckt mit meinem braunen Schiffermantel vernahm ich jetzt von dem Alten, der regungslos am Steuer ſaß, die nachfolgende Geſchichte, die ich ſo gut ich vermag, hier mit ſeinen eigenen Worten wiedergebe, wie ich ſie am folgenden Tage, noch tief erſchüttert von dem Vernommenen, aufzuzeichnen verſuchte.
„Ihr wißt, Herr,“ hub der Alte an,„daß ich nicht in Sorrento hei⸗ miſch und geboren bin, obſchon es lange her iſt, ſeit ich dort lebe und meine Varke fahre in der Marina grande von Sorrent. Sie haben Euch da oben im Piano auch wohl allerhand von mir erzählt, und doch wiſſen ſie wenig von mir, nicht einmal wo ich her bin. Ich bin aber auch weiter her als die meiſten von meinen jetzigen Landsleuten denken. Nun wie Ihr mich hier
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